aus dem Archiv
Alte Musik und aktuelles Erleben
Konstanz und Wandel in der Rezeption der Matthäus-Passion
Die Matthäus-Passion wurde zweimal uraufgeführt.
Zum erstenmal geschah dies (höchstwahrscheinlich) am Karfreitag 1729
in der Thomaskirche Leipzig. Es war die liturgische Erstaufführung
eines für diese spezifische Gelegenheit geschaffenen Werks; der umfangreichsten,
an Stilen, Besetzungen, Symbolen, Formen und Ausdrucksnuancen reichhaltigsten
Komposition des Thomaskantors J. S. Bach.
Die zweite Uraufführung ereignete sich ein Jahrhundert später
am 11. März 1829 in der Berliner Singakademie unter der Leitung Felix
Mendelssohn-Bartholdys. Es erklang im wesentlichen die gleiche Musik wie
hundert Jahre zuvor, doch jetzt war es nicht eine singuläre Gelegenheitskomposition,
die aufgeführt wurde, sondern ein universales Ideenkunstwerk, dessen
existentiell umfassender Gehalt von einer romantischen Zeit der Gefühlsreligion
als ihr eigenes Thema erkannt und mit einem Enthusiasmus aufgenommen wurde,
der folgenreich für die gesamte zukünftige Musikgeschichte sein
sollte. Als ein Doppeltes, als ein in doppelter Geburt in die Welt getretenes
Werk, hat sich die Matthäus-Passion uns überliefert.
Die Aufführung in der Berliner Singakademie stand zwar nicht am
Anfang der Wiederbeschäftigung mit dem Werk Bachs (diese hatte für
eine relativ breite Öffentlichkeit schon vor der Jahrhundertwende
mit der Gründung der Berliner Singakademie durch Karl Friedrich Fasch
und mit der Veröffentlichung der Bachschen Motetten "für
Singchöre" 1803 durch Johann Gottfried Schicht eingesetzt).
Doch sie war die entscheidende, auf die Dauer eines Konzerts konzentrierte
Initialzündung. Das Echo in der Öffentlichkeit, in Fach- und
Tagespresse war unvergleichlich. Die damalige Geisteswelt schien spontan
und gleichsam intuitiv erkannt zu haben, was Bedeutsames geschehen war:
es ging dabei durchaus nicht nur um die Ausgrabung eines einzelnen Meisterwerks,
sondern um nichts weniger als eine neue Ausrichtung musikalischen Geschichtsbewusstseins
überhaupt. Friedrich Blume fasst zusammen:
"Nicht dass ein alter Meister, dessen eigene Zeitgenossen
ihm Hochachtung und Schätzung auf gewissen Gebieten entgegenbrachten,
ihn aber keineswegs als eine aussergewöhnliche Erscheinung begriffen
(...) wieder zum Leben erweckt wurde, ist das Einzigartige an dem Vorgang,
sondern dass sich 50 Jahre nach seinem Tode plötzlich der Kontakt
eines spontanen Verständnisses schloss und von da an durch weitere
150 Jahre seine Nachwirkung in unvorstellbarem Masse anschwoll, um in
diese Bewegung schliesslich die gesamte Musikpflege und das Musikdenken
des Zeitalters mit hineinzureissen. Bachbewegung und musikalischer Historismus
bedingen einander: aus dem erwachenden Geschichtsbewusstsein entsprang
die Bachbewegung, an ihr und durch sie entfaltete sich die gesamte Historisierung
der Musikpflege sowie die geschichtliche Musikforschung des 19. und 20.
Jahrhunderts. Alles, was seitdem an Erschliessung der musikalischen Geschichte
und ihrer Quellen, an Wiederbelebung alter Musik, an musikalischer Erneuerung
und Wiederbesinnung geleistet worden ist, geht letzten Endes auf die Bachbewegung
(...) zurück."
Die Matthäuspassion stand am Anfang der Bachbewegung, und sie blieb
in deren Zentrum. Jeder Wiederbegegnung mit ihr haftet seit Mendelssohns
Tat jenes Moment des Enthusiastischen an, das sie zum Auslöser höchstpersönlicher
Publikums-Empfindungen machte.
"In dieser Woche habe ich dreimal die Matthäuspassion
des göttlichen Bach gehört, jedesmal mit demselben Gefühl
der unermesslichen Verwunderung. Wer das Christentum völlig verlernt
hat, der hört es hier wirklich wie ein Evangelium",
bekannte beispielsweise ausgerechnet Friedrich Nietzsche.
Hatten die Bemühungen Faschs, Schichts oder auch Zelters Bachs Musik
noch zum Gegenstand eines historischen Inventars gemacht, das es denkmalpflegerisch
zu schützen galt, so wurde sie durch Mendelssohn erstmals zum persönlichen
geistigen Eigentum breiter kunstbeflissener Bürgerkreise. Schnell
eigneten die Gesangvereine sich das Werk an, auf Berlin folgten von 1821
bis 1833 rasch Aufführungen in Breslau, Frankfurt, Stettin, Königsberg,
Kassel. Dass Chordirektoren unter grosser persönlicher Aufopferung,
angespornt durch kunstreligiöse Begeisterung und Entdeckerfreude
die Aufführungen leiteten, wurde bald zur Regel.
Rückbesinnung und die Entdeckung des wiedergefundenen Alten als
Eigenes hatte Mendelssohns Aufführung ausgelöst: Beides sollte
die Rezeptionsgeschichte des Werks begleiten. Die dialektische Grundbewegung
dabei ist ein Gegenspiel zwischen distanzierender Objektivierung und subjektiver
Vereinnahmung, das sich bis heute fortsetzt. Dabei wurde das "originale
Werk" (was immer man zu verschiedenen Zeiten dafür hielt) in
regelmässigen Abständen von instrumentalem, aufführungspraktischem
und ideologischem Ballast befreit und sobald eine Interessenverlagerung
vom Bereich persönlichen Erlebens hin zum Musealen drohte
wieder mit neuen, via Forschung und Interpretation gefundenen Ideen und
Sinnhaftigkeiten, oft genug auch neuen Klanggewändern versehen. Wechselweise
wurde dabei nach Bedarf Bachs Notentext, bzw. Bachs "Sinn",
wechselweise die zwei "verschiedenen Werke" beschworen: die
barocke Gelegenheitskomposition, deren Sprache durch die Jahrhunderte
fremd geworden ist, und das Ideenkunstwerk, das jederzeit spontan gefühltem
Verständnis entgegenkommt.
Für lange Zeit wurde dabei Mendelssohns Wiedergabe auch zum Massstab
für aufführungspraktische Details. Kürzungen, Spezialeffekte
wie der a cappella gesungene Choral oder das dramatisch instrumentierte
Erdbeben-Rezitativ wurden dabei zur Tradition und haben sich bis fast
in unsere Zeit erhalten. Weitere Zutaten wie Posaunenstimmen oder instrumentierte
Secco-Rezitative wurden in der Folge weit verbreitet, obwohl seit der
Mitte des 19. Jahrhunderts zuverlässiges Aufführungsmaterial
der neuen Bach-Ausgabe verfügbar war.
Oder müsste man sagen: "weil"? Waren all die bedenkenlosen
Bearbeitungen ihrerseits eine Vereinnahmungsreaktion auf die nüchterne
und ausserordentlich seriöse Arbeit der Bach-Herausgeber, vielleicht
auch auf den Caecilianismus, als im Zuge der Palestrina-Renaissance Bach
als Ausstellungsstück alter Musik neben anderen präsentiert
wurde? Es war jedenfalls eine Frage der Zeit, bis erneut "Werktreue"
beschworen wurde. Der Dirigent Siegfried Ochs beispielsweise tat dies
1912, als er mit spürbarem Stolz verkündete:
"In der am Busstag 1912 veranstalteten Aufführung
des Berliner Philharmonischen Chores gelangte die Matthäus-Passion
zum ersten Mal in Berlin vollständig und ohne jegliche Veränderung
des Bachschen Notentextes zu Gehör. Es mag merkwürdig erscheinen,
wenn man das erwähnt. Vielleicht war es aber die überhaupt erste
Wiedergabe des Werkes seit Bachs Zeit, die sich vollkommen getreu an die
Partitur gehalten hat..."
Geklungen haben muss solche "Authentizität" indessen mit
Regerscher Opulenz, wie die Besetzung jenes Konzerts verrät:
"In jedem Chor rund einhundertfünfzig Personen, in jedem
der beiden Orchester zwölf erste, zehn zweite Violinen, sechs Bratschen,
vier Celli, ebenso viele Kontrabässe. Weiterhin je zwölf Flöten,
zehn Oboen und noch besonders, mit wechselweiser Verwendung, zwei Oboi
d'amore und Englisch-Hörner. Ausserdem war die Viola da Gamba und
das Cembalo vertreten."
Der nächste Schub historischer Rückbesinnung erfolgte nur wenig
später mit der Sing- und Orgelbewegung. Aufführungen der "Matthäus-Passion
in Originalbesetzung" gab es etwa 1925 in München oder 1931
in Magdeburg, die orchestrierten Rezitative verschwanden nun allmählich
und im Accompagnato-Rezitativ "O Schmerz" wurden wieder Blockflöten
verwendet. Doch solche an heutigen Ansprüchen gemessen immer
noch halbherzige Besinnung auf historische Authentizität weckte
prompt Widerspruch: abermals fürchtete man die Objektivierung, die
das geliebte Werk der subjektiv gefühlten Zugänglichkeit zu
entreissen drohte.
"Wo das Ideal eines objektivierten, aller vermeintlichen
Interpreten-Willkür entzogenen Musik-Barock in Purismus auszuarten
begann, ist es freilich zu Recht auf den Widerstand temperamentvoller
und künstlerisch engagierter Musiker gestossen",
schrieb noch 1967 der Musikwissenschafter Martin Geck, und beobachtete
eine willkommene "neo-romantische Gegenbewegung, mit der sich heute
u.a. der Name Karl Richter verbindet". Auch Adorno polemisierte gegen
die rund um die Jubliäumsfeiern im Bach-Jahr 1950 erstarkte Begeisterung
für Originalinstrumente. "Sie geniessen die Ordnung seiner Musik,
weil sie sich unterordnen dürfen", schrieb er in seinem Text
"Bach gegen seine Liebhaber verteidigt". Von diesen werde Bach
"in ein neutralisiertes Kulturgut" verwandelt, "in dem
trüb das ästhetische Gelingen mit einer an sich nicht mehr substantiellen
Wahrheit sich vermischt. Sie haben aus ihm einen Orgelfestspielkomponisten
für wohlerhaltene Barockstädte gemacht, ein Stück Ideologie."
Und nach (bei heutigem Wissensstand unhaltbaren) Spekulationen über
die Unzulänglichkeiten barocker Instrumente widerspricht Adorno dem
vielbeschworenen Primat der "Texttreue":
"Nie und an keiner Stelle ist der musikalische Notentext
mit dem Werk identisch; stets vielmehr gefordert, in der Treue zum Text
zugleich zu ergreifen, was er in sich verbirgt. Bar solcher Dialektik
wird die Treue zum Verrat: die Interpretation, die sich um den musikalischen
Sinn nicht kümmert, (...) verfehlt ihn. (...) Die Reflexion auf den
Stil darf nicht den konkreten musikalischen Inhalt verdrängen und
sich selbstzufrieden bei der Pose transzendenten Seins bescheiden. Sie
muss der unter der klanglichen Oberfläche verborgenen, kompositorischen
Struktur der Musik folgen."
Natürlich bedeutet naive Texttreue noch keine Authentizität.
Vielmehr muss der Notentext interpretiert werden, jedoch nicht auf Grund
diffuser Sinn-Spekulationen, sondern mittels der Kenntnis der ursprünglichen
Aufführunspraktiken, welche in historischen Quellen dokumentiert
sind. So würden heutige Barock-Verfechter wohl gegen Adorno argumentieren.
Tatsächlich hat die vorderhand letzte und folgenreichste Rückbesinnungs-Bewegung
(erste wirklich breite Publikumsresonanz fand sie durch Nikolaus Harnoncourts
Einspielung der Matthäus-Passion von 1970) durchschlagend gezeigt,
dass Leidenschaft und künstlerisches Temperament durchaus nicht im
Gegensatz zu historischer Objektivität stehen müssen, ja durch
Originalinstrumente, barocke Spieltechniken und Artikulationen eigentlich
erst neu geweckt werden können. Die dabei gewonnenen Qualitäten
sind unbestreitbar und durch keinen noch so tief empfundenen "Enthusiasmus"
ersetzbar. Im Widerspiel von assimilierender Aneignung und musealer Ausstellung
freilich wird damit eine bisher neue Stufe erreicht: Indem nun auch die
Affektseite des Werks gänzlich aus historischer Perspektive angegangen
wird, entfernt sich das Werk weiter denn je vom Bereich subjektiver Zugänglichkeit,
macht diese gewissermassen automatisch verdächtig. Das Ideal der
digitalisierten Perfektion, wie sie heutige Tonträger bieten, trägt
ausserdem das Seine zu einer nunmehr ultimativen Objektivierung bei, die
vielleicht zum nahen Ende einer bewegten Rezeptionsgeschichte überhaupt
führt: das rundum erkannte, beweisbar korrekt aufgenommene und abgespeicherte
Werk kann dann endgültig archiviert werden.
Die Matthäus-Passion war einst Triebkraft und Inbegriff für
eine noch uns heute prägende Musikauffassung, die im Alten das aktuelle
Eigene erkannte. Wird der Umgang mit ihr wohl auch symptomatisch sein
für ein kommendes Ende dieser Epoche? Oder wird ihre Rezeption noch
neue Wendungen erfahren? Wird sie schlicht bleiben, was sie jetzt, in
diesem Augenblick jedenfalls noch ist? Nämlich ein Angebot an Ausführende
und Publikum, im lebendigen Moment und mit wach differenzierendem Bewusstsein
zu erleben, wie grosse Musikgrosses Geschehen erzählt, kommentiert
und zur unmittelbaren klingenden Gegenwart bringt.
© Michael
Eidenbenz
Literatur:
Martin Geck, Die Wiederentdeckung der Matthäus-Passion im 19. Jahrhundert,
Regensburg 1967
Th. W. Adorno, Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft. Frankfurt a.M.,
1955
Friedrich Blume in der MGG, Kassel 1949