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Zeit und Ewigkeit - Die "Ränder" der Missa Solemnis
Eine subjektive Hörerfahrung
Beethovens "Missa solemnis" ist ein musikalisches
Universum. Sie erschöpfend beschreiben zu wollen, wäre ein ebenso
unmögliches wie unnötiges Unterfangen. Denn je länger,
je öfter wir sie hören, desto weniger tritt sie uns als "Werk",
als "Kunstobjekt" gegenüber, das wir umfassend betrachten,
analysieren, begreifen können. Wir werden vielmehr Teil dieses Universums,
wir sind "im" Werk: eine Position, von der aus die endgültige
intellektuelle Durchdringung selbst als utopisches Ziel logisch unmöglich
ist. Doch soll uns dies keinesfalls erlauben, in gedankenlosem Zurücklehnen
allen Verstand auszuschalten und geheimnisvolle metaphysische Schauer
"an sich" zu geniessen. Im Gegenteil: je unerklärlicher
das Ganze, desto interessanter die Teilaspekte!
Diese Einleitung hat einerseits den Zweck der üblichen
Einschränkung: in diesem Text kann selbstverständlich nur ein
einzelner Aspekt der Missa solemnis zum Thema werden. Andererseits soll
sie aber auch andeuten, dass gerade dieser kleine Teil von grosser inhaltlicher
Bedeutung ist, ja letztlich vielleicht sogar die oben beschriebene "subjektive
Hörerfahrung" erklären kann.
Eine pauschale und etwas klischeebedrohte Gegenüberstellung
zu Beginn:
Die barocke Welt ist still. In diese Stille hinein klingt
die Musik. Handwerklich kunstvoll, körperlich und plastisch steht
sie da, mit definiertem Anfang und Ende, begrenzt durch klare metrische
und harmonische Strukturen. Die romantische Welt dagegen klingt dauerhaft.
Natur, Himmel und menschliche Seele sind Klang, in den sich die Musik
sozusagen "einschaltet", um einen Teil davon erlebbar zu machen:
geträumt, erahnt... (als ein optischer Ausdruck dieses Gegensatzes
könnten Orgelprospekte gelten: wirken sie im 18. Jahrhundert räumlich
stark präsent als bunt glitzernder, geschnitzter, verzierter Korpus,
so sind sie im 19. Jahrhundert oft dunkel, flach, im Hintergrund der Kirche,
woher religiöse Gefühle musikalisch herüberwehen). Beethoven
nun steht gleichsam zwischen diesen zwei Musikanschauungen. D.h., das
romantische Gefühlsweben ist ihm noch vollkommen fremd, die barocke
oder eben auch "klassische" umgrenzte Körperlichkeit ist
seine historisch-stilistische Voraussetzung, die er aber durchbricht,
falls die künstlerische Aufgabe es erfordert. In der Missa solemnis
tritt dies ein.
Ein Musikstück vor der und zur Zeit Beethovens setzt
normalerweise auf den ersten Schlag des ersten Taktes ein. Allenfalls
geht diesem ein abgesetzter Auftakt voran, der die metrische Betonung
aber nur verstärkt. Nicht so Beethovens "Kyrie":

In feierlichem Forte setzt das volle Orchester mit einem
D-Dur-Akkord ein auf die 2, den "leichten" Teil des alla-breve-Taktes!
Der Akkord wird über den Taktstrich gebunden und fügt sich erst
durch den Auftakt zu seiner Wiederholung in den metrischen Fluss ein.
Er ist also ein übergebundener Auftakt; die 1 des ersten vollen Takts
aber wird durch einen kräftigen Trompeten- und Paukenschlag markiert:
das Metrum ist gleichzeitig verschleiert und doch betont. Damit gewinnt
die Musik inhaltliche Bedeutung: der "Kyrios", der hier angerufen
wird, ist schon "vor der Zeit" da. Nicht in romantisch-diffusem
Sinn "irgendwie und irgendwo schon immer", sondern nichts anderes
als "vor" der Zeit, die exakt beginnt durch den demonstrativen
Paukenschlag. Nicht "ahnungsvolles religiöses Gefühl"
führt hier zur musikalischen Neuerung, sondern ein theologischer
Kommentar zur Philosophie: Zwei Takte, ein Dur-Dreiklang und die Begrenzung
menschlicher Wahrnehmung durch Zeit und Raum sind zum Thema gemacht! In
solchen Dimensionen denkt die Missa solemnis!
An Stellen wie dieser ist nichts zufällig oder überinterpretierbar.
Solch signalhafte Elemente wie der Paukenschlag ("Achtung! Dies bedeutet
etwas!") gibt es in Beethovens Gesamtwerk viele. Gleich die Fortsetzung
dieser ersten Takte bringt etwas Ähnliches: Harmonisch geschieht
in den ersten zwei Takten nichts reines D-Dur, das erst nach seinem
Verklingen über h-moll, e-moll, A-Dur sanft kadenziert. Das ist ein
durchaus konventioneller Einfall: die maestoso-Anrufung des Herrn soll
unverrückbar hingesetzt, einfach und statisch erscheinen viele
andere Messen vor der Missa solemnis beginnen ähnlich. Hier aber
erscheint der Einfall gesteigert: wenn in Takt 21 der Chor einsetzt, so
wiederholt er zunächst die instrumentale Musik der ersten Takte.
Im Wechsel mit dem Solo-Tenor wird der Kyrie-Ruf dreimal ausgeführt
in drei verschiedenen Dreiklängen (D, G, A). Dazu aber erklingt im
Orchester ein Orgelpunkt auf D, unverrückbar und zuletzt auch beharrlich
dissonant. Die harmonische Unbewegtheit des Anfangs wird jetzt mit diesem
durchgehaltenen D demonstrativ es war also damals in den ersten
Takten nicht bloss Konvention, sondern so gemeint: nichts rührt sich,
solange der Herr angerufen wird! Und tatsächlich: erst und exakt
mit dem Wort "eleison", der menschlichen Bitte also, endet der
Orgelpunkt und lässt nun harmonische Bewegung und die Empfindung
von Nähe wieder zu.
Doch zurück zu Anfang und Ende der Zeit. Beginnt das
"Kyrie" "vor" der Zeit, so endet das "Gloria"
"nach" ihr. Diese Stelle ist spektakulär und auf den ersten
Blick verständlich: die "Gloria"-Fuge mit ihrem ekstatisch
sich aufschraubenden Thema schliesst nach zweifacher Temposteigerung mit
euphorisch geschmetterten Orchesterakkorden rhythmisch prägnant auf
den ersten Viertel des letzten Takts. Nur der Chor "verfehlt"
gleichsam den Schluss, sein letzter Ruf fällt über das Ende
hinaus in den bereits zeitlosen Raum...

Und wiederum das Demonstrative: es genügt nicht, die
Konvention zu brechen, der Bruch muss auch dargestellt sein. Leistete
dies damals der Gegensatz zwischen Pauke und dem Rest des Orchesters,
so hier derjenige zwischen Orchester und Chor.
Beethovens Musik ist im obigen "barocken" Sinn
durchaus plastisch: als begrenzter Körper steht sie in Zeit und stillem
Raum. Doch gleichzeitig weist sie mit aller Macht auf ihren Inhalt hin,
der dies nicht tut: der Herr war vor der Zeit, sein Ruhm ragt über
sie hinaus. Der Anfang des Kyrie und der Schluss des Gloria bilden eine
Art paradoxe Klammer.
Und der Gedanke wird in der Folge weiterentwickelt: zum
ersten mal meldet sich nun der Mensch in der ersten Person zu Wort: "Credo"
"ich glaube". Und hier geschieht das Erstaunliche: Ragte
Gott über die Ränder der Zeit hinaus, so kommt der Mensch zu
spät. Die ersten "Credo"-Takte stellen dies dar:

Ein trivialer Höreindruck lässt sich analytisch
bestätigen: irgendwie setzt diese Musik mitten drin ein. Die Grundtonart
des "Credo" ist B-Dur. Dies wird aber frühestens (und auch
da nicht sehr deutlich) im dritten Takt klar. Zuvor erklingen ein Es-Dur-
und ein F-Dur-Dreiklang. Diese beiden Tonarten sind diejenigen Stufen,
die B-Dur harmonisch definieren in der simplen Kadenz B - Es -
F - B. Doch das erste B-Dur, das die Kadenz eröffnen müsste,
fehlt bei Beethoven. Rückwirkend denkt man sichs vielleicht
nach drei Takten, doch gehört hat mans nicht. Es muss tatsächlich
erklungen sein, bevor ich da war!
Die relativierte Zeit: bis jetzt war sie ein Thema, das
die Musik in symbolhaft-konzentrierter Form assoziierte, sozusagen eine
Randidee des jeweiligen Hauptgedankens ("Kyrie", "Gloria",
"Credo"). Nun aber wird sie zum expliziten, musikalisch auszudeutenden
Textinhalt: in der Fuge "et vitam venturi saeculi. Amen". Hier
wird "Ewigkeit" nicht mehr nur als Beiklang angetönt. Jetzt
muss Beethoven sie "darstellen", "ausmalen", "erfahrbar
machen". Die Form dafür, die Fuge, ist traditionell vorgegeben.
Daran hält sich Beethoven, wie überhaupt die Missa solemnis
kein revolutionäres, sondern ein in seinen Grundbedingungen durchaus
konventionelles Werk ist. Entscheidend aber ist, wie die Form gefüllt
wird.
"Zeit" manifestiert sich musikalisch im Metrum
und im Tempo. Wie das Metrum den Zeitbegriff relativieren kann, haben
wir im Kyrie und im Gloria gesehen: durch synkopische Verunsicherungen
beispielsweise. Nun erfolgt die Auflösung der Zeit durchs Tempo.
In ruhigem 3/2-Allegretto hebt die Fuge an, ein höchst
artifizielles barockes Gebilde, gebaut nach allen Regeln der Kunst: Subjekt
mit Kontrasubjekt, Thema-Umkehrung, Engführungen, Modulationen
alles ist vorhanden für einen würdigen Abschluss des grossen
Glaubens-Satzes. Doch in geradezu gewalttätiger Modulation bricht
der Fugenablauf urplötzlich ab und setzt erneut ein in erhöhtem
Tempo. Mittels einer Temposteigerung verdichtete Leidenschaft und Emphase
zu erzielen, ist eine konventionelle Technik: auch hier wählt Beethoven
eine traditionelle Methode, verleiht ihr aber durch das "Wie"
einmaligen Sinn.
Würde sich ein bescheidenerer Komponist damit begnügen,
das Fugenthema mit den nötigen Abänderungen nun einfach und
effektvoll im schnelleren Thema zu starten, so weist Beethoven darauf
hin, dass er es tut. Wiederum: mit demonstrativer Absicht. Zunächst
nämlich erscheint das Thema noch einmal im alten Tempo in den Bässen.
Gleichzeitig aber intonieren Streicher und Bläser das Kopfmotiv der
neuen schnellen Version.
Als ob ein Kreisel mit der Peitsche angetrieben werden müsste,
wird das bewährte alte Fugenthema in den Strudel der Zeit gestürzt.
Und wiederum ist der übergebundene Auftakt dabei im Spiel. Mehr noch:
beim späteren Choreinsatz wimmelt es geradezu von über den Taktstrich
gebundenen Synkopen, während (wir kennen jetzt die Methode) die mitgehenden
Streicher diese genau nicht ausführen, sondern mit unerbittlichen
sforzati die regulären Halbe-Schläge betonen.
Ohne dass ein eigentliches accelerando geschieht, ist jetzt
alles auf vorandrängende Geschwindigkeit ausgerichtet: die eng sequenzierenden
Amen-Rufe, das immer kurzatmiger werdende Thema und schliesslich auch
der Orgelpunkt auf F, der vermeintlich das Ende ankündigt. Doch stattdessen
geschieht eine letzte Steigerung: die Polyphonie ist bereits aufgehoben,
durch verdoppelte Notenwerte hat der Themenkopf bereits mehrmals eine
Richtungsumkehrung angedeutet, da hält plötzlich alles still
im breiten Grave. Es ereignet sich sozusagen ein paradoxes Phänomen:
die sich immer schneller drehende Zeit produziert zuletzt Langsamkeit.
Als ob ein Tor durchschritten würde, als ob das Bild ist hier
am Platz der Himmel sich öffnete, wird ein neuer, ein letzter
Zustand erreicht. Die Themenkonturen lösen sich auf in schlichte
aufsteigende Tonleitern, die letzte metrische Prägnanz in den Amen-Rufen
des Chors verhallt wie Relikte vergangenen Wollens im ausgebreiteten,
ziellosen Raum.
Und hier enden diese Überlegungen, denn spätestens
hier sind wir der anfangs geschilderten subjektiven Hörerfahrung
entsprechend "im Werk drin". In einem Werk, das das Innen
und Aussen des musikalischen Raums zum Thema macht, das ein theologisches
Innen und Aussen der Zeit gestaltet, das die Abgrenzung seines eigenen
Innen und Aussen schliesslich gar dem Hörenden verunmöglicht
und das so einfach, deutlich und echt endet mit einer "Bitte
um innern und äussern Frieden".
© Michael
Eidenbenz