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Das "deutsche Requiem": Ein humanes Engagement

"Dächtest Du der Sache und mir gegenüber einfach, so wüsstest Du, wie sehr und innig ein Stück wie das Requiem überhaupt Schumann gehört. Wie es mir also im geheimen Grunde ganz selbstverständlich erscheinen musste, dass es ihm auch gesungen würde."

Mit diesen Worten lehnte Johannes Brahms Mitte der siebziger Jahre Joseph Joachims Bitte ab, für eine Schumann-Gedenkfeier in Bonn ein spezielles Werk zu komponieren.
Das "deutsche Requiem" trägt keine explizite Widmung. Selbst ein emphatisches "Den Menschen", das Brahms einmal als Titel erwogen hatte, war wieder verworfen worden. Dass er rund zehn Jahre nach der Uraufführung dennoch bekennt, es gehöre "überhaupt Schumann", deutet auf einen tieferen Zusammenhang als auf eine bloss äussere Geste der Zueignung. Als Robert Schumann sich 1853 in einem Wahnsinnsanfall in den Rhein stürzte und zwei Jahre später in der Nervenheilanstalt Bonn-Endenich nach entsetzlicher Krankheit starb, bedeutete dies für Brahms nicht nur den Verlust des Freundes und früheren Mentors. Schumanns Sterben war auch der Tod eines romantischen Genies, ja romantischer Genialität schlechthin. Die Umstände seines Todes hatten nichts Erhabenes, das zu Verklärung anregte, nichts davon hätte an ein romantisches Erlösungsdrama gemahnt. Schumanns Tod war Wahn und sinnloser Zerfall, der ausserdem eine Witwe und sieben Kinder hinterliess.

Brahms' Beschäftigung mit dem Tod, so wie sie im "deutschen Requiem" umgesetzt wird, ist eine allgemeine Antwort auf solches Sterben. Der Tod wird in diesem Oratorium absolut genommen, er wird nicht relativiert. Weder Christi Erlösungstat noch ein jüngstes Gericht, das Dramatik auch im Jenseits verspricht, kommen vor. Das Werk vertritt kein theoretisches Konzept, weder ein theologisches noch ein romantisch-philosophisches.
Die fehlende Verankerung in der christlichen Lehre wurde zur Zeit der Uraufführung als Mangel empfunden. Basel etwa lehnte aus diesem Grund die Uraufführung ab. In Bremen wurde sie 1868 nur unter der Bedingung akzeptiert, dass anstelle des noch nicht vollendeten 5. Satzes die Arie "Ich weiss, dass mein Erlöser lebet" aus Händels "Messia"' eingefügt werde. Und auch der Dirigent Karl Rheintaler hatte Brahms dringend empfohlen, im letzten Satz, wo es heisst "selig sind die Toten von nun an" einen Hinweis auf Christus einzufügen, da diese Stelle ja offensichtlich auf Karfreitag verweise. Brahms jedoch stellte klar, dass er genau dies eben nicht gewollt habe und fügte hinzu: "Hinwieder habe ich nun wohl manches genommen, weil ich Musiker bin, weil ich es brauchte, weil ich meinen ehrwürdigen Dichtern auch ein 'von nun an' nicht abdisputieren oder streichen kann." Hier spricht ein selbstbewusster Künstler des 19. Jahrhunderts, der die Bibeltexte ihrer lyrischen Qualitäten wegen "brauchte", der um die eigenständige Wirkungsmacht des geschaffenen Kunstwerks weiss und sich verpflichtet hat, ausschliesslich dessen eigenen Gesetzmässigkeiten zu gehorchen.

Zum künstlerischen Selbstbewusstsein tritt nun aber bei Brahms auch ein gründlich-strenger Geist und eine ausserordentlich selbstkritische Haltung. Der Entschluss, die "letzten Dinge" absolut künstlerisch zu behandeln, äussert sich im Werk mit einer gewissen Scheu, ja eigentlich mit Entsagung. Eine leise Trauer über den Verlust des Erlösungsglaubens ist unüberhörbar. Und auf der Seite des kompositorischen Handwerks stellt sich und erfüllt Brahms höchste Ansprüche. Die zielsicher getroffene Auswahl der Bibeltexte bildet nur die Voraussetzung für eine musikalische Ausdeutung, die die Bedeutung des Werks in die Reihe der ihre Zeit überragenden Tonschöpfungen stellt.
Einige wenige Merkmale können hier nur angedeutet werden. Brahms beweist eine Gewissenhaftigkeit der Ausarbeitung auch im Kleinen, einen Kunstfleiss, der sich in einem minutiös gestalteten Wort-Ton-Verhältnis offenbart. Jeder Tonschritt, jede musikalische Geste, jede Melodielinie eröffnet sofort den Sinn einer Textstelle, ja eines einzigen Wortes. Da sind "Begleitstimmen" nicht untergeordnet, sondern ihrerseits Träger von anderen, weiteren Deutungsmöglichkeiten. Da hat die weiträumige Melodik über den Zeitstil hinaus sinngebende Bedeutung. Am meisten aber fällt wohl die enorme formale Kraft auf, ein starker Hang zur Dreiteiligkeit und Symmetrie, der Wille, nicht nur jeden einzelnen Satz sondern das ganze Werk mit einer formalen Klammer zusammenzuhalten. Solche Formprinzipien müssten in jener Zeit als die Entfaltung der Gefühle beengende Fesseln betrachtet werden, wären sie nicht logische notwendige Ausdrucksform von Brahms' Tonsprache. - Und schliesslich zeigt die Instrumentierung weit mehr als klangsinnliche Farbigkeit. Es hat Sinn, dass im ersten Satz nur die tiefen, aber vielfach geteilten Streicher spielen; der Einsatz des ganzen breiten Orchesterklangs unterstützt die traurige Gewalt des Todes im zweiten Satz; der Verzicht auf losschmetterndes Blech "zur Zeit der letzten Posaune" schützt das Begreifen der ZuhörerInnen vor oberflächlichen Klangorgien.

Das "deutsche Requiem" ist kein bekennendes, jedoch ein engagiertes Werk, sein Anliegen und sein Thema sind zu trösten alle, "die da Leid tragen". Seine künstlerische Kraft, die Vielfalt an Zugangsmöglichkeiten und eine durch alle Kunstfertigkeit durchscheinende unmittelbar anrührende Menschlichkeit haben ihm seine Beliebtheit bis heute erhalten.

© Michael Eidenbenz