aus dem Archiv

Abraham und das Kindsopfer

Ein beiläufiger Blick in einen Abgrund der Zeiten

"'Lay not thy hand upon the lad, Neither do anything to him. Behold, A ram, caught in a thicket by its horns; Offer the Ram of Pride instead of him.' – But the old man would not so, but slew his son, And half the seed of Europe, one by one."

Die Passage in Brittens War Requiem ist bekannt: der liturgische Text "quam olim Abrahae promisisti et semini ejus", als Fuge vertont und später wiederholt, wie es die Tradition vorgibt, liefert Britten das Stichwort zum Einschub der berühmten Geschichte von der Beinahe Opferung Isaaks durch seinen Vater. Die spektakuläre Schlusspointe Abraham richtet sich nicht nach dem Rat des Engels, sondern schlachtet seinen Sohn (allegorisch gedeutet für den Tod der halben Jugend Europas im Krieg) tatsächlich ist das eigentlich Bemerkenswerte der ganzen Stelle. Weiter fällt aber auch auf, dass Britten das Grundkonzept des ganzen Werks durchbricht, indem er hier exklusiv weder Texte von Wilfred Owen noch der liturgischen Totenmesse, sondern die umgearbeitete Erzählung aus 1. Mose 22 verwendet. Die spezielle Faszination, die Britten für diese Episode empfunden haben muss, zeigt sich ausserdem daran, dass er sie 1952 im "Canticle 2" für Alt, Tenor und Klavier bereits einmal vertont hatte: nach einem Text aus dem 15. Jahrhundert mit dem gewohnten Ausgang – wobei er dieses Canticle im War Requiem auch musikalisch zitierend wieder aufgreift. Eine in verschiedener Hinsicht auffällige Passage also, die aber auch Fragen offenlässt: Abraham folgt nicht dem Willen Gottes, so wie das Schlachten im Krieg nicht dem Willen Gottes entsprechen kann, selbst wenn die verblendete Menschheit glaubt, damit willkommene Opfer zu bringen (der gleichzeitig auftretende Knabenchor mit dem Text "Hostias et preces tibi offerimus" verleiht der Stelle einen zusätzlich sarkastischen Unterton).

So weit, so klar. Ein unbefriedigendes Gefühl, ein Einwand gegen die Stimmigkeit der Stelle bleibt aber. Wir wissen nämlich, dass "es" ja nicht "so war": Abraham hat "in Wirklichkeit" den Widder angenommen und den Sohn verschont, die "richtige"Legende ist ja die Darstellung des exemplarischen zweimaligen Gehorsams gegenüber dem Willen Gottes. Kriege aber, auch mit religiöser Rechtfertigung, gibt es natürlich trotzdem. Was im Text des War Requiem durch den assoziativen Zusammenhang und durch die "kabarettistische" Umänderung der Schlusspointe zusammenpasst, scheint ausserhalb des Textes, in der Wirklichkeit, nichts miteinander zu tun zu haben.
Im Werk verläuft eine Trennung zwischen Gott, der das Gute verlangt, und den Menschen (inklusive Abraham), die dennoch das Böse tun, ausserhalb verläuft die Trennung im zum Guten wie zum Bösen ebenso fähigen Menschen selber, als unerklärliche und beunruhigende Ursache für die ganze Brutalität der Menschheitsgeschichte.
Man könnte nun den festgestellten Bruch für eine Kritik an Britten verwenden, ihm etwa Simplifizierung zugunsten ästhetischer Einheitlichkeit vorwerfen, man kann aber auch die "Wirklichkeit" hinterfragen, zu der die "korrekte" Abraham/ Isaak-Geschichte gehört – und dies scheint für den Moment der spannendere Ansatz zu sein: wen oder was hat Abraham wohl – und warum? – tatsächlich geopfert?

Ob Abraham gelebt hat, als Einzelperson mit klar begrenzten Lebensdaten, weiss niemand. Es gibt aus seiner unmittelbaren Umgebung keine schriftlichen Zeugnisse, wir begeben uns ins Feld der Spekulation, wenn wir ihn uns als ersten der Patriarchen, als wandernden Gottsucher aus Ur in Chaldäa vorstellen, den es, allein, oder mit vielen anderen zusammen, aus irgendwelchen Gründen nach Kanaan verschlagen hat, und übernehmen damit die alttestamentliche Projektion verschiedenster Mythen und Geschichten auf einen einzelnen Mann. Wie er seinen Gott, der mit ihm den folgenschweren Bund geschlossen hat, nannte, wissen wir auch nicht. Vielleicht "Il", ein undeutbarer Name, der wohl erstmals einfach ein Wort für "Gott" gewesen war, mit verschiedenen anderen Namen in Verbindung gebracht wurde und als Stiergott ein Vorläufer Baals war, als "El", bzw. "El Eljon", "der Höchste", später aber auch zeitweise zum Gottesnamen für die Israeliten wurde. Vielleicht war es aber auch ein anderer aus der überreichen Götterwelt des vorderen Orients.
Wie auch immer – jedenfalls hat nun dieser Gott Abraham aufgefordert, seinen Sohn zu töten und ihm darzubringen. So wie uns die Geschichte in Gen. 22 überliefert wird, handelt es sich um eine Legende, deren ausdrücklicher Zweck es ist, den unumstösslichen Gehorsam Abrahams, seine sofortige Bereitschaft, auch sein Liebstes seinem Gott zu opfern, zu veranschaulichen. Nun wäre dieses Charakteristikum Abrahams allerdings noch eindringlicher hervorgehoben, wenn die Geschichte dahinginge, dass Isaak tatsächlich getötet würde; dass er verschont wird, mildert ja die Botschaft in ihrer letzten Konsequenz. Der Schreiber dieses Genesis-Kapitels scheint also eine alte Geschichte übernommen und mit einer neuen Tendenz versehen zu haben, ohne sie vollständig und radikal seinen aktuellen Intentionen angepasst zu haben.

Es gehört zu den spannenden und unterhaltsamen Aufgaben im hermeneutischen Umgang mit Literatur, die verlorengegangenen Vorlagen eines überlieferten Textes gleichsam archäologisch auszugraben und spekulativ zu rekonstruieren. Im Falle der Abraham/IsaakLegende ist dies natürlich mehrfach getan worden (auf Literaturhinweise soll hier verzichtet werden). Eine plausible Erklärung findet sich in dem Versuch, die Geschichte als kultätiologische Sage zu deuten, als eine Erzählung also, die begründet, weshalb an einer bestimmten, damals bekannten heiligen Stelle, "el jir'ae" ("Gott sieht") genannt, Widderopfer dargebracht wurden.
Ein Relikt dieser ursprünglichen Tendenz ist etwa die für den neuen Zweck der ausschliesslichen Veranschaulichung von Abrahams Gehorsam unnötig umständliche Beschreibung der von Gott gewiesenen Opferstelle und des dreitägigen Wegs dorthin in Gen.22, 2–5: wo sich die Geschichte genau abgespielt hat, ist nur von Bedeutung, wenn es auch zu ihrem Zweck gehört, auf einen bestimmten, für die damaligen HörerInnen geographisch lokalisierbaren, offensichtlich bedeutsamen Ort hinzuweisen.
In "el jir'ae" wurden also einst rituell Widder geopfert. Dass Abraham dies als erster getan haben soll, ergibt allerdings noch keine substantiell spannende Erzählung. Interessant wird sie erst durch den Umstand, dass hier einer einen Widder anstelle seines Kindes seinem Gott dargebracht haben soll. Ob dieser Mann nun Abraham hiess, oder ob, wie bei anderen Ereignissen auch, hier eine kanaanitische Sage in viel späterer israelitischer Zeit auf den Ur-Patriarchen projiziert wurde, sei dahingestellt –die Wahrscheinlichkeit spricht natürlich für letzteres. Jedenfalls war dieser Mann ausgezogen mit der für ihn gar nicht so aussergewöhnlichen Absicht, sein Kind in ritueller Handlung als Preis für die erhoffte Gunst seines Gottes zu töten.
Um dies akzeptieren zu können, muss man sich vergegenwärtigen, dass das Menschenopfer, speziell auch das Kinderopfer, im gesamten vorderen Orient über sehr lange Zeit nicht gerade alltäglich, aber jedenfalls weit verbreitet war. Ausgrabungen vor allem in Kanaan, zum Teil auch in Mesopotamien, lassen etwa auf die spezielle Form des "Bauopfers" schliessen, bei dem Menschen bei der Grundsteinlegung zu einem wichtigen Gebäude lebendig eingemauert worden waren. Aber auch das Töten von Kindern bei Brandopfern war ein bekannter Brauch noch bis zur Zeit der Propheten. Im alten Testament finden sich zahlreiche Hinweise darauf, meist als Warnung, diesen "heidnischen" Brauch, der offensichtlich für die Menschen eine Versuchung darstellte, nicht auszuüben. Schon im 2. Mose wird geboten, das zu opfernde Kind gegen ein Tier auszutauschen, wenn das Opfer denn schon sein müsse: 2. Mose 13,13:

"Jede Erstgeburt vom Esel aber sollst du mit einem Lamm auslösen; willst du sie jedoch nicht auslösen, so brich ihr das Genick. Auch alle Erstgeburt von Menschen unter deinen Söhnen sollst du auslösen."

Und im 5.Mose erfolgt die deutliche Distanzierung, das Verbot des Brauchs: 5.Mose 12,31:

"Du sollst nicht so verfahren gegenüber dem Herrn, deinem Gott; denn alles, was dem Herrn ein Greuel ist und was er hasst, haben sie zu Ehren ihrer Götter getan; sogar ihre Söhne und ihre Töchter verbrannten sie ja ihren Göttern."

Offenbar aber wurde das Verbot dennoch immer wieder missachtet, was den Propheten später mehrfach Anlass war, in drastischer Rede davor zu warnen. So wettert etwa Jesaja in Jes. 57,3-5:

"Ihr aber, kommet herzu, ihr Kinder der Zeichendeuterin, Brut des Ehebrechers und der Dirne! Über wen macht ihr euch lustig? über wen reisst ihr das Maul auf und streckt ihr die Zunge heraus? Seid ihr nicht Sündenkinder, eine Lügenbrut? die ihr in Brunst geratet bei den Terebinthen, unter jedem grünen Baum, die ihr die Kinder schlachtet in den Tälern inmitten der Felsenklüfte."

Oder auch Jeremia in Jer.19,3-5:

"So spricht der Herr der Heerscharen, der Gott Israels: Siehe, ich bringe Unheil über diesen Ort, dass jedem, der davon hört, die Ohren gellen sollen, darum weil sie mich verlassen und diese Stätte missbraucht und an ihr fremden Göttern geopfert haben, die weder sie noch ihre Väter noch die Könige Judas gekannt, und weil sie diese Stätte mit dem Blute Unschuldiger erfüllt und dem Baal Höhen gebaut haben, um ihre Kinder dem Baal als Brandopfer zu verbrennen, was ich ihnen niemals geboten und wovon ich ihnen nie etwas gesagt habe und was mir nie in den Sinn gekommen ist."

Vergleichbare Stellen finden sich weiter in 5.Mose 18,10; Ez. 16,20; 1.Kön. 16,34; 2.Kön. 17,17; 2.Kön. 23,10; 2.Kön. 3,26; Jer. 7,31; Jer. 32,34f. usw.

Ob die Menschenopfer tatsächlich so verbreitet waren, wie es die vielen Hinweise nur schon im alten Testament vermuten lassen, oder ob die Propheten oft nur das drastischste Beispiel suchten, um dem Volk seine Gottlosigkeit vor Augen zu führen, ist schwer zu sagen. Immerhin aber finden sich Spuren dieses Greuelbrauchs bei nahezu allen Völkern des Gebiets, von Babylon über Kanaan, ägypten, Karthago, die Phönizier bis eben auch zu den Israeliten – es werden Tausende gewesen sein, Kinder und Erwachsene, die über die Jahrhunderte auf diese Weise ums Leben kamen, verbrannt, geschlachtet, eingemauert...

War "Isaak" einer von ihnen? Es wird nun nötig, zwischen den verschiedenen "Abrahams" zu unterscheiden, die sich im Verlauf dieses Textes eingefunden haben. Es sind mittlerweile drei:
– der Abraham des alten Testaments, der eine Prüfung seines Gehorsams erfolgreich besteht und dafür belohnt wird,
– die Hauptfigur der alten, wohl vorisraelitischen kultätiologischen Sage, die als erste auf einer bekannten heiligen Stätte, später"el jir'ae" genannt, einen Widder statt seines Kindes opferte, wahrscheinlich aber kaum Abraham hiess,
– und schliesslich mag es auch den tatsächlichen Abraham gegeben haben, den Wanderer aus Ur, dessen Nachruhm als Projektionsfläche für viele berühmte Geschichten gedient hat, von dem wir aber kaum etwas Originales mehr wissen. Ob dieser Abraham Zeit seines Lebens auch einmal ein Menschenopfer dargebracht hat ...- möglich ist es durchaus.

Die Menschen kamen und kommen auf grausame Ideen, wenn sie versuchen, ihr ihnen rätselhaftes Schicksal zu beeinflussen. Das Menschenopfer als religiöser Akt hat indessen mit der Zeit seine Bedeutung verloren. Im neuen Testament opfert zwar noch einmal ein Vater seinen Sohn, verbunden mit der menschlichen Hoffnung, das Böse sei nun endgültig überwunden. Da das Böse aber, ebenso wie das Gute, im Menschen sitzt, ist er's nie losgeworden.

Wenn Britten in seinem War Requiem den Isaak sterben lässt, so hat er damit nur eine Geschichte abgeändert, nicht die "Wirklichkeit": der geschlachtete Isaak ist nichts als der menschliche Normalfall.

 

© Michael Eidenbenz