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Anton Bruckner: "f-moll-Messe"

Ein Höhepunkt der Kirchenmusik


Bruckners letzte Messe ist ein Auftragswerk des k.u.k. Obersthofmeisteramts für die Wiener Hofburgkapelle. Der innere Anlaß zur Komposition dürfte jedoch die Genesung von einem schweren Nervenleiden gewesen sein, das den Komponisten im Frühjahr 1867 befiel und zu einem längeren Kuraufenthalt geführt hatte. Gegen den Willen seines Arztes begann Bruckner die Komposition schon während der Kur. Er empfand die Messe als seine Retterin, die ihn kurz vor dem Absturz in den drohenden Wahnsinn ins Leben zurückholte.
Dieses großartige, tief innerliche und erschütternd fromme Werk gehört zu den schönsten Zeugnissen liturgischer Kunst. Hier erreicht die Kirchenmusik einen ihrer strahlenden Höhepunkte. Sie erklang am 16. Juni 1872 in der Wiener Augustinerkirche zu ersten Mal. Den Eingeweihten galt Bruckner längst als großer Meister, hatte er doch in Paris, Nancy und London als Organist Triumphe gefeiert, die von keinem Zeitgenossen überboten wurden. Nur in Wien erlebte er noch lange den Widerstand vieler Kritiker. Die f-moll-Messe gehört heute zu den beliebtesten Chorwerken der Romantik.


Kyrie
Das wichtigste Motiv, vier von der Tonika zur Dominante absteigende Töne, erklingt am Anfang des Kyrie: Eine Geste der Ehrfurcht und Demut, erweist es sich als einheitsstiftend für die ganze Messe. Diese Figur erscheint in mannigfacher Form, in der Umkehrung, in weite Melodien und Begleitstimmen eingebettet. Sie hat geradezu leitmotivische Bedeutung. Wie eine Klammer schliesst sie, letztendlich von der Oboe angestimmt, Anfang und Ende der Messe zusammen. Das Kyrie, traditionell und dem Text entsprechend dreiteilig, hat durch seine sinfonisch kompakte Form eine enorme emotionale Ausdruckskraft, die in der Coda über einer ostinat kreisenden Bassfigur den dynamischen Höhepunkt erreicht, dem der Chor im grösstmöglichen Gegensatz, a cappella und pianissimo, ein „Kyrie eleison“ von höchster harmonischer Bedeutung anfügt: Die Modulation innerhalb eines einzigen Taktes vom Kyrie-C-Dur nach der „entferntesten“ Tonart Ges-Dur drückt erschütternd das „eleison“ aus, vom „Oben“ des Kyrie zum „Unten“ des „erbarme dich“. So wird bereits der erste Satz der f-moll-Messe zum in allen Schattierungen leidenschaftlichen, persönlichen Flehen um Erbarmen.


Gloria
Gegensätze auch im Gloria: Mitten im überschwänglich jubelnden Lobgesang die geradezu zerknirschte Klage des „Qui tollis“. Diesen Satz krönt Bruckner mit einer 92 Takte langen Fuge, deren scharf geschnittenes Thema am Schluss des „Agnus Dei“ noch einmal aufgegriffen wird. Mit grosser Meisterschaft bewältigt Bruckner hier in schönster Ungezwungenheit die kniffligsten kontrapunktischen Künste, verwendet Engführungen, Umkehrungen und Vergrösserungen des Themas zur Steigerung der formalen Entwicklung – und verleiht auch diesem Satz eine vielschichtige, emotionale Dichte.


Credo
Symbolische Kraft und felsenfeste Glaubenszuversicht klingt aus dem C-Dur-Chor-Unisono des Credo. Im lichten E-Dur hebt sich das visionäre Tenorsolo des „Et incarnatus est“ vom Al-fresco-Stil des Anfangs ab. In diesem „misterioso“ zu intonierenden Stück schweigen Bässe und Blechbläser. Die Solovioline umspielt meditativ den Gesang des Tenors, während leise pulsierende Holzbläserakkorde den zeitlichen Ablauf des aus der Ewigkeit herübergekommenen „Mensch-Gewordenen“ symbolisieren mögen. Mit dynamischer Urgewalt bricht das „Et resurrexit“ hervor und steigert sich noch zur Darstellung des Jüngsten Gerichts „cum gloria“, wo Bruckner mit dickem Bleistift ein dreifaches Fortissimo in die Partitur eingetragen (und das Datum „21. November 1867“ hinzugesetzt) und damit als die lauteste Stelle des ganzen Werkes gekennzeichnet hatte. – Wiederum unisono und pompös die „eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“; aber bedeutungsvoll die höchst dramatische Musik für das Bekenntnis der Taufe, wo verminderte Septakkorde von rasenden Unisono-Tonleitern der Streicher umspielt werden: die Taufe – zur Vergebung der Sünden – als wichtigstes, „umkrempelndes“ Heils-Ereignis im sündigen Wesen des Menschen? – Auch das Credo schliesst Bruckner mit einer Fuge ab, deren musikalische Form er gleichsam sprengt, wenn er ihren polyphonen Fluss immer wieder durch bekräftigende „Credo“-Rufe durchsetzt und damit dem Text wiederum eine erweiternde Dimension verleiht.


Sanctus
In himmlische Sphären entrückt, beginnt der kürzeste Satz der Messe leise und zart und bricht erst beim Namen Gottes „Dominus Deus Sabaoth“ in strahlendes C-Dur aus.
Benedictus
Dieser besonders innige As-Dur-Gesang des zum Weihnachtsfest 1867 komponierten Benedictus erinnert an die „Gesangsgruppen“ in den Ecksätzen der Brucknerschen Sinfonien. In der Zweiten erscheint denn auch Musik aus diesem Teil. Auch hier eine bedeutungsvolle Beobachtung: Zwar beginnt der Satz mit einer wundervollen Cellokantilene, aber das Stück entwickelt sich wegen relativ kurzen, nicht zu Ende geführten, ja abgebrochenen Phrasen vorerst nur zögernd, bis ein eigenartiges, zweistimmiges Spiel der Geigen mit sozusagen „suchendem Charakter“ endlich zum dicht komponierten, sich ständig steigernden Satz überleitet. Bedeuten die Entwicklungsunterbrüche im ersten Teil ungewisses Erwarten oder gar Zweifel über den, „der da kommt im Namen des Herrn“? Der affirmativ kompakte zweite Teil die endlich gefundene Gewissheit? Die Wiederholung des auch zum Sanctus gehörenden „Pleni sunt coeli“, im schnellen Tempo und ausgesprochen fröhlich, könnte diese Vermutung bestätigen.


Agnus Dei
Das anfangs klagende, ernste Agnus Dei mit den eindrücklichen „Miserere“-Bitten schliesslich nimmt im „Dona nobis pacem“ das Thema des Kyrie und der Gloria-Fuge wieder auf. Im Wechsel von a cappella-Stellen des Chores im äussersten Pianissimo mit inständigem, lautem, fast schreiendem Flehen um Frieden, zeigt auch dieser Teil den Willen nach leidenschaftlichem Ausdruck des religiösen Textes. Diese musikalische Sprache zeugt von Bruckners innerstem, kraftvollem Erleben, von einem vielschichtigen Glauben, der weit entfernt ist von der ihm gelegentlich nachgesagten naiven Frömmigkeit.

© Peter Eidenbenz