aus dem Archiv
Dvoráks "Stabat mater"
Die geistliche Kantate "Stabat mater" ist Antonín Dvoráks
erstes gewichtiges Kirchenmusikwerk. Als 35-jähriger skizzierte er
im Frühjahr 1876 die Vertonung von Jacopone da Todis mittelalterlicher
Mariensequenz in erweiterter Kantatenform. Ein äusserer Auftrag dazu
bestand nicht, "Stabat mater" entstand aus freiem Entschluss
im Sinne eines Bekenntniswerks. Über die innere Veranlassung dazu
wurde viel spekuliert. Denkbar ist, dass der Tod seiner Tochter zwei Tage
nach der Geburt im September des Vorjahres im Komponisten das Bild der
schmerzhaften Gottesmutter lebendig werden liess. Tatsächlich war
die Marienverehrung zumal in den katholischen Bezirken des slawischen
Sprachgebietes, aus denen Dvorák stammte, stark verbreitet und
dem Komponisten innig bekannt, zu dessen Persönlichkeitsbild ein
starkes religiöses Gefühl gehörte.
Eine kunstspezifischere Vermutung zum Kompositionsmotiv äusserte
Leos Janácek, der Dvorák bewunderte und mit seinem Wesen
höchst vertraut war:
"Ein Augenblick beleuchtete mir blitzartig das Geheimnis
seines Schaffens. Er fand keine Worte, die schroff genug waren gegen Skroups
<Wo ist mein Heim?> ... und nicht lange danach komponierte er auf
Skroups Motive die Musik zu <Kajetán Tyl>! Gereizt blätterte
er in Berlioz Requiem und bald wird das Erscheinen seines eigenen
Requiems bekannt ... Empfing er mit gleichem Unwillen die Anregung zu
seinen übrigen Werken?"
Tatsächlich hatte Dvorák im November 1875 in einer Aufführung
des "Stabat Mater" von Franz Xaver Witt den Harmoniumpart gespielt.
Witt war ein Hauptexponent der sentimental-restaurativen Kirchenmusikreform
des Caecilianismus, mit dem Dvorák offenkundig nichts anfangen
konnte. Wäre seine eigene Kantate mit ihrem "unreformierten"
sinnlich-melodischen Reiz demnach aus Unwillen gegenüber dem musikalisch
unbedarften Wittschen Werk provoziert worden?
Wie auch immer: nach der Skizzierung traten 1876 andere Werke in den Vordergrund,
um die er dringend ersucht worden war ("Klänge aus Mähren",
Klavierkonzert, Männerchöre, Symphonische Variationen), oder
aus lebhaftem persönlichem Interesse Priorität erhielten (die
Oper "Bauer und Schelm"). "Stabat mater" blieb vorerst
liegen.
Im Herbst 1877 aber schlug das Schicksal die Familie Dvorák zum
zweitenmal. Mitte August vergiftete sich das einjährige Töchterchen
tödlich, und nicht ganz einen Monat später, am 36. Geburtstag
des Komponisten, starb der erstgeborene Sohn an Pocken. Auf diesen Schmerz
nun reagierte Dvorák unmittelbar: nur wenige Wochen später
nahm er die weggelegten "Stabat mater"-Skizzen wieder zur Hand
und stellte innerhalb eines guten Monats deren Instrumentierung fertig.
Die Uraufführung erfolgte 1880 in Prag unter Adolf Cech, zwei Jahre
später leitete Leos Janácek eine Wiedergabe in Mladá,
eine weitere Aufführung folgte in Budapest. Und im Frühjahr
1883 brachte Joseph Barnby in einem seiner berühmten Oratorienkonzerte
in der Royal Albert Hall das Werk dem Publikum Londons zu Gehör.
Der Erfolg dieses Konzerts war gewaltig und sollte Dvoráks ganze
künftige Laufbahn beeinflussen. Es folgte die Einladungaus London,
selber eine Wiederholung des Konzerts am 13. März 1884 zu dirigieren,
was zum bisher grössten Triumph des noch immer um Anerkennung ringenden
Komponisten wurde. Als "musical hero of the hour" bezeichnete
die "Times" den Komponisten, und mehr noch als die Rezensenten
schwärmte das Konzertpublikum.
"Im Konzerte wurde ich gleich beim Eintreten vom Publikum
mit stürmischem Beifall empfangen. Von Nummer zu Nummer wuchs die
allgemeine Begeisterung und gegen Ende war der Applaus so gross, dass
ich dem Publikum immer wieder danken musste. Zugleich wurde ich auch andererseits
vom Orchester und Chor mit den herzlichsten Huldigungen überhäuft.
Kurz, es fiel so aus, dass ich es mir besser nicht wünschen konnte."
Im oratorienversessenen England musste ein Werk auf Begeisterung stossen,
das religiösen Inhalt mit einer so unprätentiös spontanen,
formal einfachen, in der Übersichtlichkeit der Tonsprache durchaus
an Händel gemahnenden Weise behandelt. Darüber hinaus aber spricht
aus Dvoráks "Stabat mater" auch eine den tragischen Gehalt
stützende natürliche Heiterkeit und Zuversicht, die dem Werk
seine Beliebtheit über die Zeit hinaus bis heute gesichert hat.
Der Schmerzensausdruck des Textes steht in der Vertonung auf einem Fundament
von im besten Sinne naiv hoffender Frömmigkeit. Dvoráks optimistische
Tonart D-Dur bildet gleichsam den leuchtenden Goldgrund für die Leidensgebärden,
für Steigerungen, Blech-Akzente, Chromatik und Kulminationen im verminderten
Septakkord. Und zuletzt, wenn das Material der Anfangstakte zu einer riesigen
Reprise wiederverwendet wird, erfährt das Werk sein eigentliches
Ziel in hymnischer Heilsgewissheit. Sinfonisches Strömen bestimmt
die Behandlung des Textes, dessen Sprachgerüst mehr im Hintergrund
spürbar ist. Nicht Exegese des einzelnen Wortes sondern Visionen
und Bilder von umfassender Kraft dominieren die Musik. Die ersten Takte
mögen dies verdeutlichen: Das in Oktaven sich ausbreitende Fis, die
Terz der Haupttonart D-Dur, kann als Sinnbild für das Kreuz, die
in verminderten Intervallen absinkende Figur für die demütige
Haltung Marias verstanden werden. Beides zusammen bestimmt dann aber,
gelöst von enger Symbolhaftigkeit, den ganzen ersten Abschnitt in
frei fliessender meditativer Musizierhaltung. Die lyrische Grundhaltung
des gesamten Werks, das Primat der musikalischen Form vor dem theologischen
Detail und ein gewisser slawischer Akzent verleihen diesem "Stabat
mater" den starken Anstrich von einer "Diesseitigkeit",
die später in der "Glagolitischen Messe" des Dvorák-Verehrers
Janácek zu einem speziellen Aspekt tschechischer Messekomposition
werden sollte. Natürlichkeit des Gefühls, Schlichtheit der Rede,
Aufrichtigkeit des Ausdrucks solche Werte stellen Ansprüche
an Ausführung wie Rezeption dieser Musik. Hier Sentimentalität
erzielen oder vernehmen zu wollen, wäre gänzlich verfehlt. Schlichtheit
wird zum diffizilen künstlerischen Mass, Innigkeit und emotionale
Klarheit kann der Lohn des Konzerterlebnisses werden.
© Michael
Eidenbenz