aus dem Archiv
Dvorák hören!
Auf einer imaginären Hitliste grosser Chororatorien dürfte
Antonin Dvoráks Requiem wohl einen achtbaren, aber kaum einen der
unbestrittenen Spitzenränge belegen. Selbst unter den bei Chorkonzertgängern
so beliebten Requiemvertonungen gehört es wohl nicht zu den unumstösslichen
Favoriten: Mozarts Requiem ist mysteriöser, Berlioz' spektakulärer,
Verdis reicher an Ohrwürmern und Brahms' tröstlicher. Anderseits
wird es doch wiederum zu oft aufgeführt, als dass es als Geheimtip
propagiert werden könnte. Es ist sozusagen ein Werk, das sich einem
nicht aufdrängt, weder durch extrovertierte musikalische Sensationen
noch durch irgendwelche pittoreske Anekdoten um seine Entstehungsgeschichte.
Auslösende Erfahrung für das frühere Oratorium "Stabat
mater" soll der Tod seiner beiden Kinder gewesen sein; Dvoráks
Amerika-Erlebnis schlug sich in der 9. Sinfonie "Aus der neuen Welt"
nieder (und auch hier hat das biographisch-exotische Moment der Neunten
eine herausragende Popularität verschafft, die die mindestens gleichbedeutenden
Sinfonien 7 und 8 überschattet) ; für die Komposition
des Requiem jedoch lag weder ein eigentlicher Auftrag vor, noch ist ein
privates initiierendes Ereignis bekannt. Denkbar ist, dass Dvorák
mit dem Requiem einem im Zeitalter der Gesangsvereins-Gründungen
akuten Bedarf an zeitgenössischen Oratorien entgegenkommen wollte;
denkbar ist, dass englische Musikerkreise, die sich seit einigen Jahren
Dvoráks Werken sehr zugetan zeigten, ihn inoffiziell zu einem grossen
Chorwerk aufforderten (in Birmingham wurde das Requiem denn auch am 9.
Oktober 1890) uraufgeführt. Denkbar ist aber auch, dass den Komponisten
die Herausforderungen reizten, die ein umfangreicher, vielgestaltiger
und durch seine lateinische Sprache distanzierender Text an seine formale
Gestaltungskraft bot.
Die für einen Biographen interessante Frage nach einem äusseren
Kompositionsanlass mag hier gleichgültig sein, die These aber, dass
sie sich letztlich in rein musikalisch-formalem, also künstlerischem
Bereich beantwortet, folgt einer Hör-Erfahrung, die in der Partitur
ihre Bestätigung und Erfahrung findet.
Zunächst die Erfahrung, in aller subjektiven Unverbindlichkeit formuliert:
In Dvoráks Requiem herrscht der lyrische Gestus vor. Kaum treten
abrupte Überraschungen als dramatische Effekte auf wie etwa bei Verdi,
sondern die poetische Vielfalt des Textes wird in einer weit ausladenden
Palette nuancierter Expressionen und Melodien umgesetzt. Dvoráks
melodische Erfindungskraft ist berühmt. "Der Kerl hat mehr Ideen
als wir alle. Aus seinen Abfällen könnte sich jeder andere die
Hauptthemen zusammenklauben", äusserte sich beispielsweise Johannes
Brahms. (Auf der anderen Seite ist sein Beharren auf dem nachsingbaren,
periodisch gebauten Thema zu Zeiten, da sich bei Wagner und seinen Nachfolgern
bis hin zu Schönberg die abgegrenzte Melodie mehr und mehr aufzulösen
begann, auch ein deutlich konservativer Zug). Nun ist aber das Requiem
alles andere als eine beliebige Aneinanderreihung schöner Melodien,
sondern es erweckt vielmehr den Eindruck, dass hier aus einer gänzlich
unspektakulären, aber irgendwie zwingenden Notwendigkeit ein Abschnitt
auf den nächsten folgt, ja dass selbst bei abrupten Wechseln des
Affekts die Überraschung etwas bereits Vertrautes zeigt, dass verschiedene
und gegensätzliche Äusserungen irgendwo einen gemeinsamen Kern
haben.
Ein Blick in die Partitur kann diesen Eindruck leicht begründen.
Wie sparsam Dvorák im Grunde mit melodischen Einfällen umgeht,
wie die effiziente Verwendung eines einzigen motivischen Elements die
Wirkung einer musikalischen Folgerichtigkeit erzielen kann, sei am Beispiel
der letzten drei Sätze des Requiems "Sanctus", "Pie
Jesu", "Agnus Dei" gezeigt.
Das "Sanctus"-Thema lautet:

Davon wird für den ersten Choreinsatz zunächst nur der letzte
Takt aufgegriffen:

Der gebrochene Septakkord des "Pleni sunt" scheint zunächst
neu (Klavierauszug S. 183), wandelt sich aber bald zum gebrochenen Dreiklang,
der im Choreinsatz Seite 185 seine definitive Gestalt findet: als leichte
Veränderung des "Sanctus"-Themenkopfes:

Im Orchester ist dieses "Pleni"-Thema auch während des
ganzen "Benedictus" präsent und bildet mit dem zweiten
"Hosanna" den Abschluss des Satzes.
Der nächste Satz "Pie Jesu" bringt den im "Pleni
sunt" zum Dreiklang angereicherten "Sanctus"-Themenkopf
wieder in seiner ursprünglichen Quint-Oktav-Gestalt:

Losgelöst erklingt das 3-Ton-Motiv zum Schluss im Englischhorn und
wird im anschliessenden "Agnus Dei" sofort als Einleitung wieder
aufgegriffen, nunmehr aufsteigend expandierend, um jedoch, in seinem Aufbegehren
gleichsam verpuffend, in die resignative Geste des im ganzen Werk präsenten
"Leitmotivs" zu münden:

Ohne damit Symbolhaftigkeit zu suggerieren, ohne eine interpretationsbedürftige
inhaltliche Entwicklung zu behaupten, wird mit diesem Mittel der diskreten
Themenverwandtschaft auf Grund von nur drei Tönen eine innere Geschlossenheit
der Musik über mehrere Sätze hinweg erreicht.
Neben der sukzessiven Folgerichtigkeit der thematischen Erfindung sorgt
aber auch eine bewusst gestaltete Architektur für den "grossen
Atem" des Werks: Die ersten zwei Sätze des zweiten Teils "Offertorium"
und "Hostias", sind nur schon durch die Wiederholung der Fuge
"quam olim Abrahae" ineinander verschränkt. Darüber
hinaus sind sie aber auch durch einen ähnlichen symmetrischen Aufbau
und durch die Verwendung gemeinsamer Themen zur Einheit gebunden, wie
das folgende Schema veranschaulichen soll:
Offertorium:
A Orch.-Einleitung

B "Domine..." (Chor)

A "Domine..." (Alt)
B "Domine..." (Chor)
A "Domine..." (Bass)
A "Domine..." (Chor)
C "Libera..." (längerer, selbständiger Zwischenteil
Soli + Chor)
A "sed signifer... (Chor)
D Fuge

"Pie Jesu":
B "Domine..." (Bass)

E "Hostias..." (Alt)
B "Tu suscipe..." (Bass)
F "Tu suscipe..." (Tenor)

G "Fac eas..." (Chor)

B "Domine..." (Alt)
E "Hostias..." (Sopran)
B "Tu suscipe..." (Bass)
F "Tu suscipe..." (Alt)
G "Fac eas..." (Chor)
D Fuge
Auch hier fällt neben der offensichtlichen Identität
des B-Themas in beiden Sätzen auf, wie eng sich die einzelnen
Themen aneinander anlehnen: so sind etwa das A- und das E-Thema in Gestus
und Ambitus nicht allzu fern vom Fugenthema, eine direkte Anspielung an
dieses ist aber gewiss das Thema G "Fac eas...", wodurch die
Wiederholung der fuge kaum bewusst spürbar, aber organisch-selbstverständlich
vorbereitet wird.
Ein Schema wie das obige ist natürlich eine anfechtbare Abstraktion,
seine Relationen stimmen nicht mit der zeitlichen Ausdehnung der einzelnen
Abschnitte in der Musik überein, und im Schema offensichtliche Analogien
sind musikalisch durch verändertes Tongeschlecht, verschiedene Tempi
usw. verschleiert. Überhaupt würde wohl niemand behaupten, dass
ausgerechnet das Dvorák-Requiem zum detailversessenen analytischen
Hören herausfordere. Gerade der unerschöpfliche Erfindungsreichtum
Dvoráks aber braucht offensichtlich die selbstauferlegte Beschränkung
durch die kontrollierte und schematisierende Form (und kann sie sich auch
leisten!): nicht um handwerkliche Virtuosität zu demonstrieren, sondern
um sie im Gegenteil wieder zu verwischen und die nunmehr fassliche Expression
für sich selbst wirken zu lassen.
Die Kunstfertigkeit des diskreten Umgangs mit der Form, seine innere
und äussere Geschlossenheit machen das ganze Requiem zum in sich
ruhenden, distanzierten, "absoluten" Kunstwerk. Scheinbar. Denn
dieser abgeschlossene, "fertige" Komplex wird immer wieder aufgebrochen
durch das von dem ersten bis zu den letzten Takten omnipräsente "Leitmotiv"

Undefiniert in seiner Tonart, verwischt in seinen metrischen Konturen,
gibt es bald das Material für ganze Abschnitte, taucht bald unvermutet
in einer Nebenstimme auf, ist einmal vordergründig und kräftig,
einmal verzagt oder klagend, dann wieder geradezu aufdringlich: eine unausweichliche
Chiffre der Verunsicherung, des Unwissens darüber, was der Tod letztlich
ist... Und spätestens hier versagt die Analyse, wird die Objektivität
des Kunstwerks wieder ins Subjektive gekehrt: nicht als Aussage allerdings,
sondern allenfalls als Frage, auf jeden Fall dem Verständnis des
Hörers überlassen.
Das Dvorák-Requiem ist kein "spektakuläres" Wer,
Dvoráks Musik überhaupt masst sich kaum je den Anspruch an,
"sensationell" zu wirken. Gerade deshalb kann man sich in ihr
täuschen, sie unterschätzen, für zu gefällig halten.
Man muss ihr genau zuhören um zu erleben, wie unvermutet die Affekte
ändern, wie sich (etwa in der 8. Sinfonie) scheinbar gültige
Heiterkeit in grossen Ernst wandelt... um sich gerade von diesem konservativen
Komponisten vielleicht sogar verunsichern zu lassen. Dvorák hören!...
© Michael
Eidenbenz