aus dem Archiv
Der Weltgeist ruht
Das Libretto, das Haydn von seinem Londoner Freund und Impresario, dem
Kapellmeister Solomon zur Vertonung vorgeschlagen wurde, war rund fünfzig
Jahre früher für Händel geschrieben, von diesem aber nicht
vertont worden. Lidley hatte John Miltons "Paradise lost" bearbeitet
und in eine Text- und Bilderfülle gekleidet, die Händels Oratorienschema
wohl widersprach. Die Aussicht, das Werk des grossen Vorbildes weiterzuführen
und die Tradition zu vollenden, dürfte für Haydn verlockend
gewesen sein. Er überreichte Lidleys Buch an Gottfried van Swieten,
der es übersetzte und mit zahlreichen, zum Teil sehr detaillierten
Anweisungen zur Komposition versah (z.B.: "Die Worte 'Es werde Licht'
dürfen nur einmal gesagt werden!" oder: "Die Bewegung der
Fische soll schnell sein..."). Mitglieder der adeligen Liebhabergesellschaft
sicherten Haydn ein ansehnliches Honorar und finanzierten die Uraufführung.
Diese fand am 29. April im Palais Schwarzenberg auf dem Wiener Mehlmarkt
statt. 18 Berittene mit zwölf Polizisten waren beauftragt, die Menge
der Zuschauerinnen und Zuschauer, Wagen und Sänften in Ordnung zu
halten. Ein knappes Jahr später wurde "Die Schöpfung"
im Burgtheater zum ersten Mal öffentlich aufgeführt, worauf
sie ihren beispiellosen Erfolgszug um die Welt und durch die Jahrhunderte
antrat.
Die Spannung in der Polarität von Nichts und Sein ist die Voraussetzung
für den Beweis göttlicher Macht und Güte, den das Werk
darlegt. Es hebt an mit der "Vorstellung des Chaos", einem der
merkwürdigsten Instrumentalsätze der Musikgeschichte mit ziellos
schweifenden Harmonien, unaufgelösten Dissonanzen und vagierenden
thematischen Rudimenten. Das Gestaltlose wird hier Gestalt, grandioser
Hintergrund für die folgenden heiteren Bilder der Weltschöpfung.
Denn schon im 86. Takt ist das Chaos zu Ende und es erklingt der berühmteste
C-Dur-Akkord des 18. Jahrhunderts. Über 34 Nummern, Rezitative, Chöre,
Arien und Ensembles verschiedenster Formen strahlt das freundliche Licht
weiter, das von ihm ausgeht: als Anfang und Grund allen glücklichen
Seins.
Ein anderer bedeutsamer C-Dur-Einbruch ereignete sich zehn Jahre später
in Beethovens 5. Sinfonie. Dort ist die Tonart Ziel und Kulminationspunkt
einer Per-aspera-ad-astra-Entwicklung, erlitten, erkämpft und als
Schlussvision eine Utopie. Was Beethoven erringt, entspringt Haydn auf
sein künstlerisches Geheiss aus staunendem Welt- und Gotteserleben.
Selbst die Tochter aus Elysium, der Götterfunke utopischer menschlicher
Brüderlichkeit, ist bei Haydn von Beginn weg da, ja Ausdruck des
Daseins überhaupt: Vor Freude brüllend steht der Löwe da...
"Die Schöpfung" steht an einer musikgeschichtlichen Scharnierstelle:
In der Zeit rückwärts orientiert sie sich an der Tradition Händels,
deren barocke Prachtentfaltungen sie mit der warmen Menschlichkeit der
Wiener Klassik aufnimmt und durch die in der Mess-, Singspiel- und Opernkomposition
gewonnene Erfahrung modifiziert. Progressiv wirkte sie als zusammen
mit den "Jahreszeiten" wichtigstes Repertoirestück
für die vielen neugegründeten Chorvereinigungen und Singakademien,
die die Chorkultur im 19. Jahrhundert entscheidend prägen sollten.
Direkte Nachahmer hat das Werk freilich nicht gefunden. Mendelssohns
Oratorien berufen sich auf Bach und Händel, Schumann entfaltete eine
eigenständige romantisch-phantastische Ästhetik, Berlioz, Liszt
und andere verfolgten Wege einer neuen religiös-poetischen Welterfahrung.
Im Grunde enthebt sich Haydns reichstes Werk einer Funktionalisierung
durch historisches Musikverständnis. Es ist jenem glücklichen
Moment entsprungen, als der Weltgeist noch ausruhte, bevor er zu seinem
anstrengenden Ritt durch den Fortschritt hin zur Moderne ansetzte. Ein
glücklicher Moment, der Ewigkeit schafft, Verheerungen durch reale
Gegenwart unbekümmert überdauert und lächelnd Kritik an
seinem Natur- und Menschenbild (etwa am Verhältnis der Geschlechter)
abgleiten lässt. Der Urgrund dieses Moments aber ist die Demut.
Die Löwenfreude trillert mit tiefem Kontrafagott, mit schnellen
Streicherläufen schiesst der gelenkige Tiger hervor, in chromatischen
Basslinien windet sich am Boden das Gewürm, mit kompositorischer
Raffinesse geht in stiller Majestät die Sonne erstmals auf. Im absichtsvoll
schlichten Secco-Rezitativ dagegen wird die Erschaffung des Menschen erzählt,
der sich einfügt in die paradiesisch unberührte und ungefährliche
Natur, seinen Stolz als Krönung der Schöpfung mit Demut trägt,
nichts von Sündenfall weiss, noch in dieser Haltung
je wissen wird. Vielleicht spricht daraus die Erfahrung jenes Blicks ins
All, den Haydn einst durch das Teleskop des Oboisten und Astronomen William
Herschel tun durfte. Haydns Reaktion ist überliefert: Eine halbe
Stunde war er sprachlos, dann ein Gestammel: "... so hoch
so weit..."
© Michael
Eidenbenz