aus dem Archiv
Ernst Hess' "Jeremia"
Das Werk eines Schweizer Komponisten
Das Werkverzeichnis von Ernst Hess zählt über dreihundert Kompositionen
und Bearbeitungen auf, die Palette seiner musikalischen, musikpädagogischen
und -wissenschaftlichen Tätigkeiten Zeit seines Lebens ist reichhaltig
und breit gefächert. Ernst Hess muss - den verschiedenen Nachrufen
und Dokumenten seines Wirkens nach zu schliessen - für die Schweiz,
und im besonderen für den Raum Zürich eine wichtige und prägende
Musikerpersönlichkeit gewesen sein. Und dennoch kennt man heute seinen
Namen kaum mehr, Aufführungen seiner Werke sind äusserst rar,
Literatur und Lexikoneintragungen über sein Wirken sind selten und
knapp. Beides, die breite Entfaltung eines grossen musikalischen Potentials,
wie das schnelle Vergessen der daraus entwachsenen Früchte, mag vielerlei
Gründe haben, gewiss auch persönlich-künstlerische. Lässt
man aber die Frage nach den Ursachen beiseite und beschränkt man
sich auf die möglichst wertungsfreie Beobachtung der beruflichen
Biographie, so stellt man zahlreiche Zeichen daran fest, die man als typisch
schweizerisch, als symptomatisch für die Situation eines Schweizer
Komponisten in den ersten drei Vierteln des Jahrhunderts empfinden kann.
Die generelle Frage nach dem "typisch Schweizerischen" der hiesigen Musik
ist allerdings äusserst kompliziert und man ist - führt man
sich nur etwa die grossen Unterschiede innerhalb der älteren Generation
von Schweizer Komponisten, bzw. (Re-)Immigranten wie Schoeck, Honegger,
Martin oder gar Vogel vor Augen - geneigt, die "Schweizer Musik" vielmehr
als ein "Feld der Individualitäten" zu charakterisieren, was seinerseits
wiederum typisch für eine Nation sein könnte, deren kulturelle
Identität durch starke Nachbarschaften immer imitiert war. Das "typisch
Schweizerische" (oder vielleicht besser "Deutschschweizerische") wird
also auch bei Hess eher marginal sein, wirkt aber doch, wie mir scheint,
in einer Weise zurück auf sein Werk, dass es, als Ansatz einer Rezeption
auch des "Jeremia", einige Ueberlegungen wert sein kann.
Der Studienaufenthalt im Ausland ist obligatorischer Bestandteil praktisch
aller schweizerischen Komponistenbiographien. Für Ernst Hess bedeutete
er Kompositionsstudien in Paris bei Paul Dukas und der legendären
Nadia Boulanger, die ihn mit den Worten entliess: "il est un vrai
compositeur!". Als "Horizonterweiterung", als inspirierendes Moment scheint
die Erfahrung einer fremden Metropole für Schweizer Kulturschaffende
unverzichtbar zu sein, womöglich auch als Garantie dafür, dass
die einmal entfachte Schöpfungskraft in der Heimat nicht wieder vertrocknet,
der "Diskurs in der Enge" weiterläuft. Denn der nur aus sich selbst
heraus in der Stille schaffende genialische Kopf wird nicht in der Schweiz,
wo "Transparenz" zu den meisterhobenen Forderungen überhaupt gehört,
sein neugierigstes Publikum finden, wirkt, falls er überhaupt wahrgenommen
wird, eher suspekt. Hingegen bietet das "Land der Vereine" demjenigen,
der gewillt ist, seine künstlerische Tätigkeit in den Einklang
mit der breiten Gesellschaft zu stellen, zahlreiche Möglichkeiten
öffentlichen Wirkens und damit auch der Publikation eigenen Produktionen.
Ernst Hess hat im Lauf seines Lebens zahlreiche Männer- und gemischte
Chöre, Laien- und professionelle Orchester geleitet, Privatvereine,
kirchliche, Universitäts- und Schulensembles; und er hat für
diese Vereinigungen auch komponiert. Dass dabei Praxisbezogenheit und
Ausführbarkeit zu wichtigen Kriterien seiner Arbeit geworden sind,
erstaunt nicht und ist auch in der Partitur des "Jeremia" überall
deutlich zu spüren. Das beginnt mit der Wahl eines Stoffes mit breiten
Zugangsmöglichkeiten und endet mit den kleinen, aber zuletzt oft
entscheidenden "Ton-Findungs-Hilfen" für den Laienchorsänger
bei einer erweiterten Tonalität.
Aber auch dass Hess für sein Hauptwerk die Gattung "Oratorium" wählt,
die sich auf im hiesigen Konzertleben beliebte traditionelle Wurzeln (Händel,
Bach, Haydn ... ) berufen kann, deutet auf die Notwendigkeit einer breiten
Abstützung im Publikum, das, oft selber aus Mitgliedern irgendwelchen
Laienchöre bestehend, damit einen Zugang sozusagen "aus eigener Erfahrung"
finden kann. Dass das Oratorium, und nicht etwa die abstrakte Sinfonie
oder die mondäne Oper, die Gattung ambitiöser Grossprojekte
von Schweizer Komponisten ist (Martin, Burkhard, Suter, Honegger) erstaunt
daher nicht, zumal, wenn es einen biblischen Stoff bearbeitet und damit
auch die Tradition des populären Kirchenchorgesangs aufnehmen kann.
Die Verankerung in der Tradition ist denn bei "Jeremia" auch in den kleineren
Formen offensichtlich: das Werk enthält Arien, Fugen, Choräle,
Rezitative, Volkschöre, usw. und seine Tonsprache beruht auf einer
nur behutsam erweiterten, oft auch altkirchlich modalen Tonalität.
Dabei ist die Geordnetheit, Uebersichtlichkeit, eben "Transparenz" eines
der ästhetischen Hauptanliegen des Komponisten: die Dreiteiligkeit
entspricht der inneren Dramaturgie des Stoffes (Berufung Jeremia, Auseinandersetzung
mit dem Volk und hereinbrechende Katastrophe, Versöhnung und neuer
Bund Gottes mit seinem Volk); darüberhinaus sorgen Wiedererkennbarkeits-Prinzipien
für die klar freigelegte Architektur: die leitmotivische Formel "Höret
das Wort des Herrn", der mottoartige Choral "Nimm den Willen Gottes an",
der bereits in der Orchester-Intrada erklingt, die charakteristische Instrumentation
mit Flöte und Streichern für die Arien des Engels, Orgel und
Bass für die Worte Gottes, usw..
Ein für diesen Ordnungswillen (durchaus auch eine schweizerische
Eigenart) symptomatisches ästhetisches Merkmal ist die Tatsache,
dass die Zerstörung des hereinbrechenden Gerichts nicht etwa in einer
anarchisch freischweifenden Fantasie, sondern in der starren, Unerbittlichkeit
signalisierenden Passacaglia evoziert wird. Symptomatisch ebenfalls, dass
diese weitaus stärker wirkt als die vorangehenden, für den Ausdruck
heftigsten emotionalen Aufruhrs zuständigen, aber etwas alibihaften
"Wehe"-Rufe. Und wäre schliesslich die Vermutung zu weit hergeholt,
dass es ein Komponist aus einem verschonten Land sein musste, der 1947
einen Stoff vertont, der die Deutung zwar nicht explizit ausspricht aber
immerhin nahelegt, dass mit der kriegerischen Zerstörung und dem
optimistischen Wiederaufbau die Situation Europas während und nach
dem zweiten Weltkrieg gemeint sei? Wahrscheinlich ist jedenfalls, dass
ein direkter betroffener Komponist hier mehr Skrupel einer relativ unverbindlichen
religiösen Umsetzung gegenüber empfunden hätte. Indessen
enthält die Jeremia-Geschichte wiederum genug mythische Kraft, dass
eine Vielfalt an Zugangsmöglichkeiten und damit auch andere Aktualisierungen
des Mythos offen bleiben und bei einer heutigen Aufführung des Werks
vermutlich sogar näher liegen.
So sehr nun die geschilderte breite Abstützung seiner Musik auf
vielen Bestandteilen und Vorlieben des helvetischen Musiklebens für
Hess' produktive Kraft notwendig und hilfreich war, so problematisch wirkten
sich dann auch Veränderungen der kultursozialen Verhältnisse
auf das Weiterleben seines kompositorischen Werks aus. Zwar sind diese
Veränderungen in der Schweiz seit Hess' Tod 1968 nicht fundamentaler
Art (immerhin ist es die Stadt Zürich, die dem Bach-Chor den Auftrag
zur Wiederaufführung des "Jeremia" erteilte), aber das Gefälle
von mondänen Konzertveranstaltern der Grossstadt zur Provinz und
damit das schweizerische Misstrauen dem "Hausgemachten" gegenüber
hat eher zugenommen, die Zeiten, da auch arrivierte Komponisten selbstverständlich
für Laien-Sängerfeste schrieben (Hess selber war hochgeschätzter
Experte an ungezählten Gesangsfesten), sind vorbei. Dies kann man
bedauern oder nicht: das Klima einer fruchtbaren, produktiven, in der
Tradition wurzelnden Provinzialität wird dadurch gefährdet,
anderseits sind bereits wieder eine Vielzahl kleinerer, speziell auf die
lokale Moderne ausgerichteter Konzertorganisationen entstanden: Nischen,
die ihrerseits als helvetische Eigenart das Fortbestehen einer so schwer
durch eine gemeinsame Formel zu erfassenden "Schweizer Musik" vorderhand
zu garantieren scheinen.
© Michael
Eidenbenz