aus dem Archiv
Leos Janacek - Glagolitische Messe
Warum hast du sie komponiert?
Es strömt, strömt der Luhacovicer Regen. Aus dem Fenster schaust
du in den finsteren Berg Komon.
Wolken wälzen sich, der Sturm zerreisst und zerstreut sie.
Genau so, wie vor einem Monat, dort vor der Hochwalder Schule. Wir standen
im Regen.
Und neben mir ein hoher kirchlicher Würdenträger.
Dichter und dichter bewölkt es sich. Du schaust schon in die finstere
Nacht; Blitze zerschneiden sie.
Du schaltest das blinkende elektrische Licht an der hohen Decke ein.
Nichts anderes als das stille Motiv eines verzweifelten Sinnes in den
Worten 'Herr erbarme dich...' skizzierst du.
Nichts anderes als den Freudenruf "Ehre, Ehre".
Nichts anderes als den herzzerreissenden Schmerz im Motiv "Für uns
gekreuzigt, gemartert und begraben".
Nichts anderes als die Härte des Glaubens und Schwures im Motiv "Ich
glaube".
Und das Ende aller Begeisterung und Gemütserregung in den Motiven
"Amen Amen".
Die Grösse der Heiligkeit in den Motiven "Heilig - heilig", "Segensreichse
Lamm Gottes".
Ohne die Düstemis der mittelalterlichen Klosterzellen in den Motiven.
ohne Nachhall stets gleicher Imitationsgeleise,
ohne Nachhall der Bachschen Fugengewirre,
ohne Nachhall des Beethovenschen Pathos,
ohne Haydns Verspieltheit;
gegen den Papierdamm der Wittschen Reform - die uns Kriskovsky entfremdete!*
Heute, o Mond, scheinst du mir vom hohen Himmel auf die Papierabschnitte,
die mit Noten bedeckt sind -
morgen schleicht sich die Sonne neugierig ein.
Einmal erstarrten die Finger -
einmal strömte durch das offene Fenster die warme Luft.
Der Durft der feuchten Wälder von Luhacovice war - Weihrauch.
In nebelhaften Fernen wuchs mir ein Dom in die riesenhafte Grösse
der Berge und des darüber gewölbten Himmels; mit ihren Glöckchen
läutete in ihm eine Schafherde.
Im Tenorsolo höre ich irgendeinen Hohepriester, im Sopran ein Mädchen
- ein Engel, im Chor unser Volk.
Kerzen, hohe Tarmen im Walde, von Sternen angezündet; und in der
Zeremonie, dort irgendwo, die Vision des Fürsten - des hl. Wenzel.
Und die Sprache der Glaubensboten Cyrill und Method.
Und bevor drei Abende im Kurorte verstrichen, war dieses Werk vollendet;
und deshalb, damit Dr. Nejedly teilweise recht behalte, dass ich
"leicht und schnell" nach Vymazal komponiere.**
Am 5.Dezember wird in Brünn im Konzertsaal Stadion die "Glagolskaja
missa" aufgeführt werden. Schon im vornherein lobe ich den Gesang
des Herrn Tauber und der Frau Cvan. Auch die wenigen, aber gesunden Töne
des Frl. Hlousek und des Herrn Nomecek. Ich lobe die Frische der Stimmen
und die Sicherheit der Intonation des Chores.
Mit dem Orchester war schon Mascagni zufrieden und mit dem Dirigenten
Kvapil wird es bestimmt der Philharmonische Verein der Brünner Beseda
sein.
Brünn, 23. November 1927
(aus: Lidove noviny, Jahrgang XXXV, Nr. 598, 27.11.27)
*F.X.Witt war ein wichtiger Organisator des Caecilianismus, einer musikalischen
Ideologie um die Mitte des 19. Jahrhunderts, die auf eine künstliche
Weise den strengen Stil Palestrinas zur einzigen Richtschnur geistlicher
Komposition erheben wollte. Janacek bedauerte, dass auch sein einst geachteter
Lehrer Pavel Kriskovsky von dieser papiemen Reform erfasst wurde.
**Vymazal gab berühmte Anweisungen zum Erlernen fast aller europäischer
Sprachen unter dem stereotypen Schlagwort "leicht und schnell" heraus.
Daher stammt Janaceks sarkastische Bemerkung.
(Text zitierte nach: Leos Janacek. Feuilletons aus den
"Lidové Noviny", dt. hg. von Leo Spies. Leipzig 1959)
Der Text zur Glagolitischen Messe erschien in der "Lidove" Noviny" einer
fortschrittlichen Brünner Tageszeitung, in der Janacek zahlreiche
Feuilletons veröffentlichte, alle in einem aphoristischen, assoziationsreichen
Stil, der dem heutigen Leser nicht sehr leicht zugänglich ist. Auch
dieser Text ist eigentlich kein Kommentar zur Komposition als vielmehr
ein sprachliches Festhalten der Inspirationsquelle Luhacovice, Sturm Regen,
Nacht und Natur, aus der die Sprache ähnlich unvermittelt brockenhaft
hervorgeht wie die Musik der Messe. Die Frage "Warum hast du sie komponiert?"
beantwortet Janacek auf diese Weise jedenfalls höchstens für
sich selber.
Immerhin lassen sich in der sprachlichen Analogie einerseits und in der
expliziten Abgrenzung andererseits einige Hinweise auf zentrale Punkte
der Janacekschen Aesthetik finden, die im folgenden etwas aufgespürt
werden sollen.
Zunächst die Abgrenzungen: "Ohne die Düsterheit der mittelalterlichen
Klosterzellen in den Motiven./ ohne Nachhall stets gleicher Imitationsgeleise
/ ohne Nachhall der Bachschen Fugengewirre,/ ohne Nachhall des Beethovenschen
Pathos ohne Haydns Verspieltheit;/ gegen den Papierdamm der Wittschen
Reform..."
Die Liste der "ohne den Nachhall..." liesse sich vermutlich noch verlängern;
sie zeigt auf jeden Fall, dass Janacek etwas Neues, in der Geschichte
der Messekomposition Ungehörtes schaffen wollte, das nichts Epigonenhaftes
an sich haben durfte. In seinen Schriften taucht gelegentlich der Ausdruck
"Musik der Wahrheit" auf, und zwar immer im Zusammenhang mit tschechoslowakischer
Volksmusik, die Janacek unermüdlich sammelte und erforschte; einer
Musik also, die sich nicht an historischen Vorbildern messen lassen muss,
sondern die ungeschaffen und unreflektiert einfach da ist, unkritisierbar,
weil nur den eigenen Kriterien unterworfen, also zwangsläufig "wahr"
ist.
Die Wirkung des "Ungestalteten", des "Ungeschaffenen" scheint Janäezk
denn auch in seiner eigenen Musik gesucht zu haben. Gerade in der Glagolitischen
Messe ist etwa nur schon das äussere Klangbild, in dem die einzelnen
Instrumentengruppen ungemischt ihren elementaren Klang entfalten können,
weit entfernt von den raffinierten Orchestereffekten eines Richard Strauss
oder Debussy.
Die Ästhetik des "Ungeschaffenen", das "einfach da ist", hat auch
einen Verzicht auf die raffinierte subjektive Aussage zur Folge - auch
hier eine völlige Abgrenzung etwa von Beethovens "Missa solemnis"
-; Janaceks Musik distanziert sich von der romantischen Künstlerideologie
des "Schöpfers", der sich "kreativ" seine Welt im Werk erschafft.
Im Falle der Messe ist die Musik denn auch überhaupt nicht subjektives
Glaubensbekenntnis durch individuelle Textausdeutung - Janacek selber
war ungläubig:
"Altslawische Messe? Sie wissen doch, wie Sie über mich
geschrieben haben, - ein gläubiger Greis. Damals habe ich mich aber
sehr geärgert und sage: Ei Sie junger Marm, erstens bin ich kein
Greis und gläubig - na, das erst nicht nicht, das erst recht nicht.
Erst, bis ich mich überzeuge."
Allenfalls lässt sich bei Janacek eine Art Pantheismus beobachten,
der Göttliches in der naiven Naturerfahrung spürt; den Weihrauch
im Duft der feuchten Wälder, den Dom in den nebelverhangenen Bergen...
Die Idee, die glagolitische Messe mit einem Orgel-Solo und einem Orchesterfinale
enden zu lassen, legt nahe, sich hier den Schluss eines Gottesdienstes
mit Orgel-Ausgangsspiel und Auszug der Gemeinde aus der Kirche vorzustellen.
Dass dieser Auszug aber unbekümmert "Intrada" genannt wird, macht
aus dem Verlassen der Messen einen Einzug: in die Natur, ins Leben...
Janacek schreibt zur Messe:
"Ich wollte hier den Glauben an die Sicherheit der Nation auffangen,
nicht auf religiöser Grundlage, sondern auf der Grundlage des Sittlichen,
Starken, das sich Gott zum Zeugen nimmt."
Dass auf Grund solcher Voraussetzungen - Natur- und Volksverbundenheit,
Sittlichkeit und Nationalbewusstsein - nicht Kitsch entsteht, vermeidet
Janacek durch sein radikales Vertrauen auf die Richtigkeit seines eigenen
musikalischen Erlebens. Solches Vertrauen auf die Inspiration (der Ausdruck
ist hier sehr emst zu nehmen) bestimmte sein eigentliches kompositorischer
Vorgehen. Die Erfahrung, dass die Welt zu singen anhebt, wenn man nur
den richtigen Ton trifft, muss für ihn von grosser Bedeutung gewesen
sein. Ludvik Kundera gibt hiezu eine anschauliche Schilderung:
"Von dort (aus dem Klavierzimmer) erklang den ganzen Vormittag
das Klavier. Allerdings in ungewohnter Weise. Janacek hämmerte dort
so laut, als es überhaupt möglich war, und zumeist bei ständig
gehobenem Pedal, mit den Fingern immer ein und dasselbe Motiv von ein
paar Tönen aus dem Klavier hervor ... Er wiederholte das Motiv mehrere
Male rundum entweder in unveränderter Gestalt oder zuweilen mit einer
kleinen Abänderung. Aus der Verve, mit der er spielte, war herauszufühlen,
wie stark er von dem Gefühlsinhalt des Motivs erregt und hingerissen
wurde. Bei diesem Beginnen komponierte er nicht - er wollte sich nur durch
das ständige Wiederholen eines kleinen Motivs in eine bestimmte Stimmung
versetzen, um dann ohne Klavier das zum überwiegenden Teil aus diesem
Motiv aufgebaute Tonwerk in fieberhafter Hast unmittelbar aufs Papier
zu werfen."
Hier findet man Janacek "Nichts anderes als..." wieder. "Nichts anderes
als der Freudenruf 'Ehre, Ehre' ... Nichts anderes als der herzzerreissende
Schmerz ... Nichts anderes als die Härte des Glaubens..." Dieser
Moment der Inspiration, in dem "nichts anderes, als..." möglich ist,
ist punktuell, zeitlos. Er kann sich manchmal direkt in einem musikalischen
Motiv manifestieren, er kann aber auch "vor" der musikalischen Gestaltwerdung
stehen, quasi als nie definitiv realisierbarer "Archetyp", der die Faktur
eines ganzen Stücks unsichtbar dominiert. Man darf also nicht selbstverständlich
davon ausgehen, dass das "Motiv", die abgegrenzte melodisch-rhythmische
Einheit, der eigentliche Bedeutungsträger der Janacekschen Musik
ist, es ist vielmehr der zeitlose "Moment der Inspiration", die "Intention",
das "Bild", die "Idee", die "Empfindung" oder wie auch immer, was durch
die Musik Gestalt annehmen will.
Die ungezählten Ostinatoformen in Janaceks Musik sind ein äusserer
Ausdruck dieses Umstandes. Auf der anderen Seite steht die Erfahrung des
Hörers, dass in dieser Musik eine ständige Ungewissheit über
deren weiteren Verlauf herrscht. Denn indem das Motiv nicht die Hauptrolle
einer musikalisch-gedanklichen Entwicklung spielt, die den Hörer
mit sich führen könnte, sondern absolutistisch und jeder Dialektik
fremd immer nur auf sich selber und den Punkt seiner Entstehung verweist,
entstehen eigentliche "Kommunikationsprobleme". Es ist letztlich ein Konflikt
zwischen der Zeitlosigkeit des Inspirationsmoments und der "Zeitkunst"
Musik. Der Konflikt manifestiert sich etwa in der Anekdote, demzufolge
Janacek im Unterricht auf dem Klavier einen Akkord anschlug, einen Schüler
fragte, was dieser Akkord "sei", und, als dieser natürlich die Antwort
nicht wusste, schliesslich verärgert ausiief, das sei eine Feuersbrunst.
Janacek stellte sich bewusst gegen die Tradition und gegen die Gelegenheit,
durch die Erfüllung ästhetischer Regeln sich den Hörerinnen
und Hörern zum leichteren Verständnis anzubieten.
"Deine Komposition schaffe alleine! Hüte das Geheimnis
ihrer Arbeit und ihren Beweggrund! Die Helle ihrer Werkstätte verdüstere
nicht mit fremden Werken, ersticke sie nicht in fremder Umgebung! "
Es entstand so der Versuch, in Analogie zur Volksmusik Kunst zu machen,
die nur ihren eigenen Kriterien unterworfen ist und damit unkiidsierbar
ist. Gleichzeitig komponierte aber Janacek in einem Zeitalter, da Ausverkauf
unter den traditionellen Kunstmitteln herrschte und damit sowohl die Notwendigkeit
als auch die Gelegenheit bestand, neue, unerprobte Ausdrucksmittel anzuwenden.
Bei Janacek beobachtet man den einzigartig radikalen Versuch, eine "geschichtslose
Musik der Wahrheit" zu finden (die somit auch nicht eigentlich "progressiv"
gemeint ist), die aber trotzdem durch die Musikgeschichte erst ermöglicht
wurde und natürlich zeitbedingt ist nur schon in der Wahl der äusseren
Mittel. Dies ergibt eine sehr eigentümlich Ethik der künstlerischen
Arbeit, die gleichzeitig problematisch aber auch für den heutigen
Betrachter ausserordentlich aufschlussreich sein kann, und die vor allem
eine auch heute noch ungemein erfrischende und erregende Musik hervorgebracht
hat.
© Michael
Eidenbenz