aus dem Archiv
Felix Mendelssohn-Bartholdys "Elias"
Als der "Elias" am 25. August 1846 auf dem Musikfest in Birmingham
aus der Taufe gehoben wurde, war die Reaktion des Publikums und der Tageskritik
nahezu einmütig enthusiastisch. Weitere Aufführungen folgten
bald, das Werk gehörte schnell zu den beliebtesten Oratorien des
neunzehnten Jahrhunderts überhaupt, die einhellige Publikumsgunst
blieb ihm, von einigen, durch den Zeitgeschmack bedingten Unterbrüchen
abgesehen, bis heute erhalten.
Ebenso hartnäckig wie die Begeisterung der Konzertgängerinnen
und -gänger aber hielt sich auch die Kritik aus der Fachpresse, die
seit den ersten fundierten Besprechungen von Eduard Krüger in der
Neuen Zeitschrift für Musik 1847 und Otto Jahn in der Leipziger Allgemeinen
Zeitung 1848 auf Mängel in der Gesamtkonzeption des Werks hinwies
und seither durch jüngere Autoren mehrfach Bestätigung fand.
Fachkritik versus Publikumsgunst ein bekanntes Phänomen in
der Musikgeschichte. So stichhaltig indessen die differenzierten Einwände
der Kritik sind, so gewichtig spricht das Argument einer seit 150 Jahren
lebendigen Wirkungskraft für das Werk. Es kann also hier keinesfalls
darum gehen, einen definitiven Urteilsspruch zu versuchen, sondern das
Ziel dieser Ausführungen soll eine freie Annäherung an das Werk
aus der Sicht seiner uneinheitlichen und komplexen Entstehungsbedingungen
sein.
Kritische Einwände gegen den "Elias" haben von Anfang
an vor allem grundsätzliche Fragen in Textanlage und Darstellungsprinzipien
angesprochen. So bemängelte etwa Otto Jahn das Fehlen eines vermittelnden
Erzählers, denn die Gattung Oratorium sei per se "einer wahrhaft
dramatischen Ausbildung nicht fähig". Eduard Krüger hingegen
beklagt im Gegenteil gerade die mangelhafte "dramatische" Konsequenz;
dass im zweiten Teil in ihrer Rolle "unbestimmte Chöre"
als Erzähler auftreten, sei für die "dramatische Entfaltung
ungünstig". Wenn nun zwei Autoren aus gegensätzlichen Positionen
mangelnde Konsequenz monieren, dabei aber weder der eine noch der andere
seine Vorstellungen erfüllt sieht, so muss der Widerspruch im Werk
selbst enthalten sein. Als gleichzeitig Ausdruck und Ursache solcher Widersprüchlichkeit
erscheint die Entstehungsgeschichte des "Elias", die sich über
fast ein Jahrzehnt hinzog, und aus der das vollendete Werk schliesslich
als Resultat verschiedener, einander entgegenlaufender künstlerischer,
theologischer, gattungsspezifischer, aufführungspraktischer und schliesslich
auch biographischer Ideen und Tendenzen hervorging.
Im April 1837, ein Jahr nach der erfolgreichen Uraufführung des
"Paulus", äussert Mendelssohn in einem Brief an den Jugendfreund
Karl Klingemann erstmals den Plan einer Komposition des Elias-Stoffs.
Klingemann, der den Text dazu besorgen sollte, zeigt sich zunächst
begeistert von der Idee, nimmt die Arbeit jedoch nicht auf. Als zudem
politische Umstände eine Zusammenarbeit unwahrscheinlich machen,
lässt Mendelssohn den Elias-Stoff fallen und wendet sich an Julius
Schubring mit der Anfrage, ob dieser zur Mitwirkung an einem Petrus-Oratorium
zu gewinnen sei. Diese ursprüngliche Anfrage an mögliche Textlieferanten
ist aufschlussreich für den ganzen weiteren Verlauf des "Elias"-Projekts.
Mit Karl Klingemann hatte Mendelssohn schon Jahre lang Opernpläne
geschmiedet, die sich aber nie erfüllen sollten. Als eine Art Ersatz
erschien ihm nun offenbar der "Elias"-Stoff, dessen opernhaft-dramatische
Elemente er Klingemann gegenüber aus herausstrich. Fluch, Dürre,
Regenwunder, Gotteserscheinung und eine effektvolle Himmelfahrt des Elias:
solche Szenen sollten Klingemann ködern und interessierten auch Mendelssohn
weitaus mehr als die religiöse Dimension des Stoffs.
Julius Schubring hingegen war Pfarrer in Dessau und hatte seinerzeit massgeblich
am Text des "Paulus" mitgewirkt. Ihm traute Mendelssohn eine
dramatisch effektvolle "Elias"-Dichtung offensichtlich nicht
zu und machte daher den Vorschlag, des "Petrus"-Sujets, in dem
mehr das theologische Gewicht des Apostels hätte hervorgehoben werden
können. Im Grunde aber wünschte sich Mendelssohn alles andere
als eine Wiederholung des "Paulus". Sobald sich doch noch Aussichten
auf eine weitere Arbeit mit Klingemann zeigten, nahm er die "Elias"-Idee
wieder auf und reiste zu Klingemann nach London, wo beide zusammen im
August 1837 in rund zwei Wochen ein Szenarium für den "Elias"
entwarfen, das Klingemann in der Folge durch eigene Verse und biblische
Prosa hätte ergänzen sollen. Trotz Mendelssohns wiederholt dringender
Bitten geschah dies jedoch nicht, und so forderte der Komponist im Mai
1838 den Szenariumsentwurf zurück und schickte ihn an Julius Schubring
weiter.
Mendelssohn muss in diesen Entwurf, der bereits die biblische Erzählung
bis zum Regenwunder in Episoden gliederte, grosse Hoffnung gesetzt haben,
von Schubring erwartete er nichts weiter, als dass dieser das Handlungsgerüst
mit geeigneten Bibelstellen auffülle. Schubring erklärte darauf
seine grundsätzliche Bereitschaft, mit Klingemanns Szenario war er
jedoch ganz und gar nicht einverstanden: "
es ist eigentlich
doch so geworden, wovor ich mich hüten wollte und wovon ich Dir schrieb,
dass die Sache zu objektiv wird ein interessantes, auch ergreifendes
Bild, aber wenig erquicklich für das Herz des Zuhörers. Alle
Verwünschungen die Opferszenen und der Regen vorher
Jesabel usw., alles ist nicht so, dass es uns heutzutage von Herzen kommen
könnte, daher so, dass es auch nicht zu Herzen geht."
Was Schubring vorschwebte, ein Oratorium mit allgemeiner, religiös
erbauender Tendenz, in dem Elias vor allem als Vorläufer des Messias
dargestellt werden sollte, war meilenweit von Mendelssohns Intentionen
entfernt. Als Schubring auch noch die Absicht äusserte, eine Verklärungsszene
des Elias einzubauen, in der Christus selbst hätte auftreten sollen,
und nur bedauerte, dass ihm dazu "die Worte fehlten", sah Mendelssohn
keine Möglichkeit sinnvoller Zusammenarbeit mehr und gab das Projekt
wieder auf.
Erst im Herbst 1845, als Mendelssohn die Einladung erhält, im August
des nächsten Jahres auf dem Musikfest in Birmingham ein neues Oratorium
aufzuführen, wird das Thema wieder aktuell und jetzt ist die
Zeit plötzlich knapp geworden. Wieder bittet er Schubring um Mitarbeit,
was sich jetzt aber zwischen Textdichter und Komponist abwickelt, ist
alles andere als ein synergetischer Schaffensprozess auf ein gemeinsames
Ziel hin. Geradezu borniert hält Schubring an einer neutestamentlichen
Interpretation des Propheten fest, was Mendelssohn nicht nur für
zu abstrakt hält, sondern was auch seiner Vorstellung von Elias als
einer "primären" Figur, die nicht bloss "Vorläufer"
ist, widerspricht. Schon 1838 hatte er den Propheten folgendermassen charakterisiert:
"Ich hatte mir eigentlich beim Elias einen rechten durch
und durch Propheten gedacht, wie wir ihn etwa heut' zu Tage wieder brauchen
könnten, stark, eifrig, auch wohl bös und zornig und finster,
im Gegensatz zum Hofgesindel und Volksgesindel, und fast zur ganzen Welt
im Gegensatz, und doch getragen wie von Engelsflügeln."
Ausserdem beharrte Schubring auch fast bis zuletzt auf einem in Rezitativen
auftretenden Erzähler, was Mendelssohn ausdrücklich von allem
Anfang an vermieden haben wollte. Geradezu bestürzt nimmt Schubring
jedenfalls im Mai 1846 zur Kenntnis, dass Mendelssohn ihm befriedigt mitteilt,
er habe im ersten Teil "in der Form jetzt alles historische Rezitativ
weglassen können, einzelne Personen aufgeführt, statt des Herrn
immer den Engel oder den Engelschor". Dennoch schickt Schubring unverdrossen
einen Entwurf nach dem anderen, von denen Mendelssohn nur sehr selektiv
verwendet, was und wo es ihm nach seinen Vorstellungen dienlich ist.
Wem nun letztlich die Hauptverantwortung für die definitive Textgestalt
zuzuweisen ist, lässt sich kaum mehr endgültig klären.
In konstruktiver Hinsicht scheint Schubrings Beitrag eher marginal: der
erste Teil beruht noch weitgehend auf Klingemanns Szenario, den zweiten
Teil hat sich Mendelssohn selber zusammengestellt und dabei Schubrings
Hinweise auf mögliche Bibelstellen ganz nach seinem eigenen Gutdünken
berücksichtigt. So hinterlässt Schubrings Mitarbeit letztlich
vor allem als Manko ihre Spuren: das Fehlen eines poetisch sensiblen,
dramatisch souveränen, mit den ästhetischen Absichten des Komponisten
einiggehenden Autors drückt sich in der mannigfachen Problematik
der Textgestalt des "Elias" aus.
Problematisch sind vor allem die betrachtenden, kommentierenden Partien,
deren Text nicht dem biblischen Elias-Bericht in 1. Kön. 17ff entnommen
ist, sondern zum Teil aus den entlegensten Bibelstellen, zur Hauptsache
aber aus den Büchern Jesaja, Jeremia, den Klageliedern und dem Psalter
stammen.
Da Mendelssohn die historisch-erzählende Ebene möglichst nicht
durch symbolische oder christologische Interpretationen überlagern
wollte, sah er sich einerseits gezwungen, Texte mit allgemeinem, unverbindlichem
Gehalt wie etwa "Fürchte dich nicht", "Siehe, der
Hüter Israels", "Wer bis an das Ende beharrt", "Wohlan,
alle die ihr durstig seid" zu verwenden; Texte, die im Grunde in
beliebigem Zusammenhang einsetzbar sind.
Auf der anderen Seite stehen gerade die markanteren, inhaltlich gewichtigeren
Texte doch in einem Widerspruch zum Nimbus archaischer Kargheit, die den
Elias-Bericht charakterisiert. Am krassesten ist dies bei der Gottesvision
spürbar: Um die Wirkungskraft von Elias' Begegnung mit dem Herrn
in der Wüste dramaturgisch auszubauen, fügt Mendelssohn einen
Chorsatz mit Solisten ein, dem die berühmte Vision des Jesaja "Seraphim
standen über ihm" etc. (Jes. 6,2) zugrunde liegt. Nun ist dieser
Jesaja-Text nicht nur allen Hörerinnen und Höreren bekannt und
zudem von eigenständiger theologischer Bedeutung (das liturgische
"Sanctus" geht auf ihn zurück), sondern die Elemente "Thron",
"Rauch", "Engel" usw. statten ihn auch mit einer Aura
aus, die denkbar weit vom elementenverhafteten, apokalyptischen Erlebnis
des einsamen Elias in der Wüste entfernt ist. Ob man nun diese Diskrepanz
als Bereicherung oder als Schwächung einer eindeutigen Charakterisierung
der Szenerie beurteilen will (musikalisch jedenfalls reicht die Jesaja-Vertonung
nicht an die grossartige Wucht des "der Herr ging vorüber"
heran), bleibe offen. Bemerkenswert ist immerhin, dass dies Elias-Episode,
einer Äusserung Mendelssohns zufolge, für ihn der erste Anstoss
zur Auseinandersetzung mit dem Stoff bedeutet haben soll. Die Aussage
lässt auf eine mystische Neigung schliessen, die ausgerechnet bei
diesem Komponisten wohl nicht unbedingt zu erwarten war.
Item. Der Zusammenzug von chronologisch weit voneinander entfernten Texten
aus dem alten Testament hat allgemein zu einer heterogenen und unklaren
religiös-historischen Situierung geführt. Die Entwicklung vom
archaischen, brutalen Feuer- und Sturmgott Jahwe, der in direkter Konkurrenz
mit Baal stand, zum universalen Monotheismus, ja zum christlichen Weltengott
der Nächstenliebe, wie ihn der Schlusschor als letztes Relikt von
Schubrings christologischer Sicht noch antönt; die Spannung zwischen
der blutrünstigen Zeit der Könige und der viel später entstandenen
biblischen Poesie reineren Geistes sind zu gross, als dass das Libretto
als eine ästhetische Einheit wirken könnte. "Ein Potpourri
von religiöser Fanatik und salbungsvoller Pastoren-Frömmigkeit"
urteilt denn auch schonungslos der Mendelssohn-Biograph Eric Werner.
Solche Kritik ist nicht von der Hand zu weisen, dennoch beweist die Rezeptionsgeschichte
des "Elias", dass die Gesetze des Publikumserfolgs nicht unbedingt
auf einer inhaltlich widerspruchsfreien, stringent-logischen Durchgestaltung
eines Werks beruhen müssen. Dramaturgisch geschickt ausgenutzte Verteilung
der Kräfte während einer zweieinhalbstündigen Aufführung,
der möglichst grosse Ambitus zwischen extrovertierter Massenwirkung
und intimer Individualität, die im Moment via Identifikation erlebbare
Erhebung eines Einzelschicksals zu kollektiver Gültigkeit
solcherart sind die Anforderungen, die die Publikumserwartung jener Zeit
an ein gross inszeniertes Oratorienkonzert stellte. Es fällt auf,
dass Mendelssohn in den letzten Monaten der Arbeit am "Elias"
Schubring gegenüber nicht mehr wie früher auf möglichst
"historischer" Darstellung beharrte, sondern nur noch sinngemäss
"die schönsten Bibelstellen zur Auswahl" verlangte. Sein
Interesse am Werk hatte sich durch den Auftrag aus Birmingham geändert:
War seine Haltung zunächst von rein künstlerisch-ethischen Ansprüchen
geprägt ("ein Prophet, wie wir ihn etwa heut zu Tage brauchen
könnten"), so galt es nun, in erster Linie ein Werk zu liefern,
das dem Rahmen des Birmingham Music Festival gerecht wurde.
Dieses Festival war seit 1768 im Drei-Jahres-Turnus ein renommierter
Grossanlass, der einem zahlreichen Publikum an drei bis vier Tagen je
zwei grosse Konzerte mit mindestens einem Oratorium oder sonstigen grossen
Chorwerk bot. Mendelssohn hatte hier bereits den "Paulus" und
den "Lobgesang" aufgeführt, der Erfolgsdruck war entsprechend
gross. Für den "Elias" stand ihm ein Apparat von insgesamt
296 Mitwirkenden, bestehend aus 93 Streichern und doppelt besetzten Bläsern
und einem Chor von 79 Sopranen, 60 Alten (nur Männerstimmen
"bearded altos", wie Mendelssohn sie nannte), 60 Tenören
und 72 Bässen, zur Verfügung. Um dieses Potential auszunützen,
aber auch um das Werk bei den zahlreichen, in jenen Jahren neu gegründeten
Oratorienchören beliebt zu machen, mussten mehr Chorsätze eingefügt
werden, als sich durch die unmittelbare Handlung aufdrängten; Chorsätze,
die nicht in erster Linie durch den Sinn des Textes, sondern durch die
Disposition der musikalischen Kräfte motiviert waren.
Der ganze Schlusskomplex der Nummern 39 - 42 etwa gehört dazu: als
beiläufiger Hinweis auf den wiederkehrenden Elias macht er weniger
Sinn denn als breit angelegtes, dem Monumentalcharakter des Werks angemessenes
Finale.
Ähnliches gilt für die Chöre "Siehe, der Hüter
Israels" und "Wer bis an das Ende beharrt": Zusammen mit
der Arie "Sei stille dem Herrn" formen sie die Zeit zwischen
dem resignativen Tiefpunkt "Es ist genug" und dem Erscheinen
des Herrn. Die Dehnung einer Spannung, Ruhe und Warten darzustellen, ist
ein musikalischer Vorgang, und es ist denn auch nur die Musik,
die diesen Sätzen, in denen nicht klar wird, wer hier redet, ihre
Notwendigkeit zuspricht, es ist die Musik, die sich äussert und die
mehr aussagt als der Text. Konkret wird das im Falle von Nr. 29 anschaulich:
Die Worte "Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert
nicht" werden im Charakter eines Wiegenlieds vertont, der sich zum
Textsinn zwar paradox verhält, der aber die Situation des unter dem
Wacholder schlafenden Elias musikalisch aufgreift und weiterführt.
Die Aussagekraft der Musik bewirkt aber noch eine weitere, für das
ganze Werk charakteristische Tendenz in der Darstellung der Hauptfigur
Elias selber. Im ersten Teil erscheint dieser noch als handelnder Protagonist
mit prägnanten Zügen: als Verkünder des Fluchs im dreifachen
Tritonus, als Verspotter der Baal-Anhänger und grausamer Rächer
einerseits, anderseits als Wundertäter beider Witwe von Zarpath und
als vertrauensvoll Betender in der Regenszene. Im zweiten Teil jedoch
treten die Äusserungen seines Handelns auch musikalisch weit zurück
hinter die eine grosse Geste der Resignation, wie sie die zentrale Arie
"Es ist genug" ausdrückt. Seine Anklage gegen Ahab erfolgt
in geradezu beiläufig farblosem Rezitativ, und später wird von
Elias nur noch berichtet, er sei "wie ein Feuer" hervorgebrochen
und habe "stolze Könige gestürzt", Taten, bei denen
wir ihn nicht mehr aktiv miterleben können.
Es ist zwar immer ein riskante interpretatorisches Unterfangen, Identifikation
zwischen der Person eines Komponisten und dem Protagonisten seines Werks
zu behaupten, aber unter dem allgemeinen Aspekt dieses Versuchs, die Entstehungsgeschichte
als Ursache und Ausdruck des Profils des fertigen Werks zu betrachten,
sei es gleichwohl gerechtfertigt.
In der ersten Projektphase des "Elias", aus der die Anlage
für den ersten Teil des Oratoriums stammt, stand Mendelssohn im Vollbesitz
seiner physischen und psychischen Kräfte, sein Erfolg und sein Einfluss
im deutschen Musikleben waren in einer Weise im Wachsen begriffen, die
durchaus mit dem Machtkapital eines Propheten vergleichbar wäre.
Indem er die angebotenen Möglichkeiten wahrnahm, mutete er sich aber
eine Arbeitsbelastung zu, die ans Unmögliche grenzt. Eine Zusammenstellung
der Tätigkeiten in den Jahren 1841-44 möge dies veranschaulichen:
Als Komponist schrieb Mendelssohn in dieser Zeit vier grosse Theatermusiken,
zwölf Duette, zwanzig Lieder, viele Chorlieder, ein Violinkonzert,
ein Klaviertrio, eine Sonate für Cello und Klavier, viele Klavierstücke;
als Dirigent leitete er das Gewandhausorchester Leipzig, den Berliner
Domchor, die Subskriptionskonzerte der königlichen Kapelle, zwei
deutsche Musikfeste, zwei englische Musikfeste, zahlreiche Konzerte in
London;
als Administrator bemühte er sich ohne Ergebnis um die Gründung
einer Musikakademie in Berlin, mit Erfolg jedoch um ein gleiches Institut
in Leipzig, wo er zudem auch als Lehrer Klavier und Komposition unterrichtete.
Zwar hat ihn der Erfolg bei all dieser Tätigkeit kaum verlassen,
Mendelssohn musste sich keineswegs wie Elias verfolgt und ausgestossen
sehen, aber zahlreiche Briefstellen zeigen deutliche Anzeichen der Resignation
und der Klage über den belastenden administrativen Arbeitsaufwand.
Jenes "Es ist genug" wird in seinen Äusserungen immer deutlicher
spürbar, nachträglich erscheint es gleichsam als existentielles
Motto für die letzten Jahre seines Lebens. Mendelssohn stirbt wenige
Monate nach der letzten Überarbeitung der "Elias"- Partitur;
persönliche Schicksalsschläge haben den schwachen, frühzeitig
verbrauchten Körper vollends überwältigt. Mit der Figur
des Elias, so scheint es, hat er sich ob gewollt oder nicht, eine Art
autobiographisches Denkmal seiner letzten Jahre gesetzt: in einem grossartigen,
so widerspruchsvollen wie aufschlussreichen und deshalb spannenden Werk.
© Michael
Eidenbenz
Literatur:
Arntrud Kurzhals-Reuter, Die Oratorien F. Mendelssohn-Bartholdys, Tutzing,
1978. Arno Forchert, Textanlage und Darstellungsprinzipien in Mendelssohns
Elias, in: Das Problem Mendelssohn, hg. Carl Dahlhaus, Regensburg, 1974.
Eric Werner, Mendelssohn, Leben und Werk in neuer Sicht, Zürich /
Freiburg i.Br. 1980