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Giuseppe Verdis "Messa da Requiem"

Giuseppe Verdi beendete die Arbeit an seinem Requiem 1874, zwei Jahre nach der Uraufführung von Aida und ganze dreizehn Jahre vor dem nächsten grossen Werk Otello. Die Farbigkeit der Harmonik und die Feinheiten der orchestralen Klangimpressionen lassen denn auch die Nähe von Aida erkennen, die Freiheit und Einmaligkeit der ganz aus dem Text gewachsenen Formen weisen bereits auf Otello, als ganzes jedoch ist das Requiem ein Werk sui generis und steht einsam im musikalischen Schaffen des Komponisten und seiner Zeit.

Seinen unverwechselbaren Charakter erhält das Werk durch sein Melos, das im Vergleich zum früheren Opernschaffen eine gewisse Verhaltenheit der Motive aufweist und damit ebenfalls bereits auf Verdis Spätstil deutet, das aber – zusammen mit den packenden theatralischen Effekten des Dies irae – entscheidend zur ausserordentlichen Beliebtheit dieser Totenmesse beigetragen hat. Darüber hinaus aber dürfte die Popularität des Werks auch in einer gewissen Tendenz begründet sein, einer dem Thema der Totenmesse scheinbar entgegenstehenden Tendenz zum gegenwärtigen Leben, die sich vielleicht am ehesten durch die analytische Betrachtung des letzten Satzes, des Libera me, nachweisen lässt.

Das Libera me nämlich nimmt im Gesamtkontext des Werks und seiner Entstehung in vielfacher Hinsicht eine besondere Stellung ein: Bekanntlich hat Verdi die Arbeit an seinem Requiem mit diesem Satz begonnen. Die Komposition dieser Absolutio war nicht nur sein Beitrag zu der von ihm selber angeregten Totenmesse zum Gedächtnis Gioacchino Rossinis, jener zwar geschriebenen, aber nie aufgeführten Gemeinschaftskomposition von dreizehn verschiedenen italienischen Komponisten, sondern auch die Arbeit der eigenen Requiemvertonung etwa fünf Jahre später begann mit der Umarbeitung des 'Ur-Libera-me'. Dieser Umstand ist insofern interessant, als ja der Satz die Musik anderer Requiemsätze, nämlich des Dies irae, und des Requiem aeternam bereits enthält: Was die Hörerin, der Hörer als erinnernde Wiederaufnahme, als Zitat erlebt, ist werkgeschichtlich betrachtet vielmehr eine 'Keimzelle' für entscheidende Partien des gesamten Werks.
Weiter ist aber auch die Tatsache bemerkenswert, dass Verdi diesen Text überhaupt vertont. Die seit dem Tridentiner Konzil definitiv festgelegte Liturgie der Totenmesse schliesst nämlich mit der Communio Lux aeterna und tatsächlich enthalten andere berühmte Requiem-Vertonungen etwa von Mozart, Cherubini oder Berlioz kein Libera me. Allerdings war es üblich, dass bei feierlichen Gelegenheiten die Worte der Absolutio super tumulum als Responsorium gesungen oder von früheren Komponisten auch mehrstimmig vertont wurden. Mit der Gegenüberstellung von Sopransolo und Chor greift denn auch Verdi den alten responsorialen Charakter auf, die psalmodierenden Tonwiederholungen der ersten Takte haben zudem etwas altertümlich Klerikales, im Ûbrigen aber fehlen alle Anspielungen auf die traditionelle Libera-me-Melodie.

Der Satz enthält vier grössere Teile:
- psalmodierende Anfangstakte und 2-strophige Arie ('tremens factus') mit Einleitung ('dum veneris)
- 'Dies-irae'-Einschub (tutti)
- 'Requiem aeternam' (Sopransolo mit Chor a capella)
- Fuge (tutti)

Die ersten drei Teile dieses grossformalen Aufbaus sind alle ziemlich genau gleich lang, nämlich je etwa 40 Takte in ähnlichem Tempo (wobei der 'Dies-irae'-Einschub im alla-breve-Metrum steht und daher auf dem Papier doppelt so viele Takte umfasst). Man unterstellt Verdi keine versteckte Zahlensymbolik, wenn man behauptet, dass mit diesen Proportionen eine gewisse Absicht verfolgt wird: Die drei Abschnitte malen sozusagen den dramatisch-seelischen Hintergrund aus für die nachfolgende grosse Bitte um Befreiung vom ewigen Tod (Fuge). Zu diesem 'Hintergrund gehören die Bilder des individuellen ('tremens factus sum ego...') und des kollektiven Schreckens ('Dies irae'), sowie die Bitte um Ruhe für die Toten als erhoffte Milderung dieser Schreckensvorstellungen. Diese drei Positionen stehen in gleichberechtigter Bedeutung nebeneinander – gleichsam 'Kulissen' – als Ausgangslage für die nachfolgende, in ihrem Wesen grundverschiedene, durch persönliche Betroffenheit des lebenden Menschen ausgelöste Bitte der Fuge 'Befreie mich, Herr, vom ewigen Tod...'

Damit dieser quasi 'szenische' Aufbau zur Geltung kommt, ist es unerlässlich, dass eine Interpretation die von Verdi im ganzen Werk exakt bezeichneten Metronomangaben beachtet: Wird beispielsweise (wie es oft zu hðren ist) der Versuchung nachgegeben, den a-capella-Abschnitt 'Requiem aeternam dona eis, Domine' zu langsam zu nehmen, so verschieben sich die Proportionen, der Text erhält eine zu grosse Ausdehnung und ein Gewicht, das ihm eben gerade nicht zukommen soll. Wäre die Bitte für sie, die Toten, das für Verdi zentrale Anliegen gewesen, so hätte er das Werk wie sonst üblich mit der Communio 'Lux aeterna... – 'das ewige Licht leuchte ihnen' – abschliessen können; nun ist aber offensichtlich das 'Befreie mich' der abschliessende, die Tendenz des ganzen Werks bestimmende Zielpunkt.

Für diesen umfangreichen Schlussteil wählt Verdi die Form der Fuge, ein altbewährtes finales Steigerungsmittel. Dem Thema der Fuge fehlt nun aber jeglicher Ausdruck unterwürfigen Flehens, wie er als Antwort auf die vorangegangenen Schreckensvisionen wohl zu erwarten wäre. Es hat im Gegenteil bei aller Erregtheit etwas selbstbewusst Auftrumpfendes, was während der Exposition durch die gleichsam ultimativ fordernden kadenzierenden Orchesterakkorde heftig unterstützt wird. Seine markante Intervallstruktur ist aber auch die technische Voraussetzung für den grossen Umfang des Stücks, während dessen Verlauf sich die Affekte in vielfältigster Weise ändern. In der 'Libera-me'-Fuge erklingt die leidenschaftlichste, die in der Beweglichkeit wechselnder Expressionen vitalste, die kraftvollste und letztlich affirmativste Musik des ganzen Werks –: Ein umfangreicher Ausdruck des vielseitigen Lebens ist die Antwort auf die Aussicht des gewissen Todes!

Verdi war laut einer Aussage seiner Frau kein gläubiger Katholik. Seine Distanz zu Kirche und religiðsem Gebaren lässt sich etwa auch an einer unverhohlen blasphemischen Szene im Falstaff erkennen, in der (Falstaff betet um die Erhaltung seines Wanstes) Verdi das 'Hostias' aus seinem eigenen Requiem parodistisch zitierend aufgreift. So ist auch das Hauptanliegen des Requiem kaum religiöse meditative Verinnerlichung oder Aufruf zum frommen Lebenswandel angesichts der Schrecken des jüngsten Gerichts. Die drastischen, aus dem Mittelalter stammenden Bilder der Missa pro defunctis sind Verdi vielmehr Anregung zur vitalen Kunstentfaltung, das Libera me schliesslich wird zum ausgeformten Ringen um Leben überhaupt.

Zur Komposition angeregt wurde Verdi durch den Tod des von ihm zutiefst verehrten Alessandro Manzoni. Dem Gedenken des Dichters gilt das Werk, das Vergessen eines grossen Künstlers nach seinem Tode zu verhindern, war sein erstes Anliegen, als leidenschaftlicher Versuch, den gegenwärtigen Tod durch die Kunst als geformtes Leben zu bannen, ist es uns aktuell geblieben.

© Michael Eidenbenz